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Fachkräfteblindheit

Unternehmer und Personaler werden nicht müde zu lamentieren: Uns fehlen die Fachkräfte. Stimmt das wirklich? Oder erkennen sie nur die Potenziale der heutigen Jugend oder der eigenen Mitarbeiter nicht?

Wie oft haben wir das schon gehört: Hilfe … wir finden keine qualifizierten jungen Menschen mehr! Bei uns bewirbt sich gar niemand mehr! Oder nur noch Schulabbrecher – mit miesen Zeugnissen und Anschreiben voller Form- und Rechtschreibfehler! Sie alle können nichts und stellen unerhörte Forderungen! Gut Ausgebildete, die in unser Unternehmen passen? Fehlanzeige. Und die Soft Skills? Die sozialen Kompetenzen? Kein Schimmer, kein Respekt! Die kennen sich doch alle nur noch als Facebook-Buddies. Und so weiter … und ewig grüßt das Murmeltier.

Studien und Umfragen scheinen das Gejammer vom hoffnungslosen Fachkräftemangel mit harten Fakten zu untermauern. So rechnete uns der Bundesverband der Personalmanager – und die sollten es ja wissen – vor, dass bis zum Jahr 2020 etwa 2,4 Millionen gut ausgebildeter Arbeitnehmer fehlen. Stimmt das, müssten viele Betriebe wohl schließen oder ins Ausland abwandern. Und es drohe eine Wirtschaftskrise durch Bildungsmisere plus demografischem Wandel.

Stutzig macht mich dagegen eine kürzlich veröffentlichte Studie zum Thema interne Rekrutierung in Unternehmen (http://www.press1.de/ibot/db/press1.Leonce_1406552993.html). Durchgeführt hat sie der Management-Software-Anbieter Cornerstone OnDemand. Das Ergebnis: 79 Prozent aller deutschen Unternehmen messen der internen Personalbeschaffung höchste Bedeutung zu. Erstaunlich nur, dass rund dreiviertel der Befragten gerade einmal ein Minimum der ausgeschriebenen Stellen tatsächlich intern vergeben. Und das, obwohl bekannt ist, dass Beförderungen und Weiterbildungsangebote das beste Mittel sind, Mitarbeiter dauerhaft an sich zu binden. Rund 60 Prozent aller Unternehmer oder Manager befürchten indes, ihre besten Leute wandern ab. Und über ein Drittel aller Stellen werden mit ungeeigneten Bewerbern besetzt, weil die passenden einfach nicht zu finden seien.

Scheinbar fehlen den Unternehmen und Personalern die Mechanismen, wie man talentierte und qualifizierbare Leute aus den eigenen Reihen erkennt. Nicht besser sieht es bei der Einstellung neuer Mitarbeiter aus. Bei der Bewerberauswahl und in den Vorstellungsgesprächen wird seit Jahrzehnten nach Schema F vorgegangen. Es interessieren nur Noten, Arbeitszeugnisse, Fachkenntnisse und Referenzen. Je ähnlicher der Bewerber dem Vorgesetzten erscheint, desto besser sind seine Chancen.

Dabei reicht ein Blick auf die Biografie manches Arbeitnehmers, um zu wissen: Bestimmte Fachkenntnisse, Fremdsprachen oder Computerprogramme wurden nachträglich oder on the job erlernt. In wie vielen Fachbereichen ist ein 10 Jahre lang tätiger Arbeitnehmer zum Experten avanciert, weil er mit den unterschiedlichsten Kunden zu tun hatte? Ich selbst war einmal reiner Werbetexter und bin über Kundenmagazine auch zum Autor von Fachzeitschriften-Artikeln aus Bereichen wie der Messe- und der Franchise-Wirtschaft geworden. Jeder kann sich in neue Themen einarbeiten.

Was wirklich zählt, ist Einsatzwille und Leidenschaft. Und der Faktor Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Nehmen wir als Beispiel einen Angestellten mit einfacher Lehrlings-Ausbildung. Wenn er sich in seinem Umfeld wohl fühlt, arbeitet er motivierter und sicher auch effizienter als ein hochqualifizierter, aber unglücklicher Master-Absolvent. Wer für diese Faktoren ein Gefühl entwickelt, wem es gelingt, Menschen an diesem Kriterium zu messen, der wird die wahren Talente erkennen. Wozu braucht ein Mensch mit Verkaufserfolgen gute Zeugnisse? Wozu ein technisch Begabter einen lupenreinen Lebenslauf? Vielleicht bricht ja der Fachkräftemangel endlich alte Denkstrukturen auf.

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