Monthly Archives: Februar 2015

Zum Helden, wer scheitert

Zwischen Deutschland und dem Silicon Valley gibt es fundamentale Unterschiede. Einer davon ist „the next big thing“: die Amerikaner verwandeln stets das scheinbar Unmögliche in Ziel und Vision. Ein anderer Unterschied legt die logische Konsequenz offen: Scheitern ist immer eine Option und keine Schande.

„We choose to go to the moon. We choose to go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard …“. Frei und verkürzt übersetzt etwa: „Wir haben uns entschieden, noch in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen. Nicht weil es einfach, sondern weil es schwierig ist“ (anders ausgedrückt: weil es unmöglich scheint). Dies sagte John F. Kennedy im September 1962, Wochen nachdem Juri Gagarin den ersten Weltraumflug der Menschheit absolviert und den für Amerika gefährlichen, schier uneinholbaren Vorsprung der Sowjetunion in der Raumfahrt demonstriert hatte. Und ausgerechnet ein Deutscher war es, der die Mond-Vision schon seit seiner Jugend verfolgte und sie sieben Jahre später für die NASA verwirklichte: Wernher von Braun.

Das scheinbar Unmögliche zu wagen scheint dennoch mehr eine amerikanische als eine deutsche Tugend zu sein. Hätte sonst ein Unternehmen wie Google raketenschnell zum Welt-Monopolisten im Online-Business aufschießen können? Bei Google praktizieren sie das sogenannte „Moonshoot Thinking“. Die Fragestellung lautet nicht: Wie werde ich zehn Prozent besser, sondern: wie werde ich zehnmal so gut wie heute. Im Forschungslabor „Google X“ wird an ultravisionären Projekten gearbeitet – wie zum Beispiel am „Internet der Dinge“ mit intelligent vernetzten Alltagsgegenständen anstelle von Computern. Google-Gründer Larry Page sagte einmal: „Es gibt kaum Konkurrenz beim Erforschen technologischer Grenzen, weil niemand so verrückt ist, es zu versuchen“.

Dominik Terruhn ist Geschäftsführer des Münchner Marketing-Unternehmens Plan.Net. Kürzlich hatte er einige Tage lang die Gelegenheit, hinter die Kulissen von Google und den anderen Silicon-Valley-Riesen Facebook und Youtube zu blicken. In einem Vortrag in München verdeutlichte er danach die Mentalitäts-Unterschiede zwischen Deutschland und der kalifornischen Hightech-Region. Ein Großteil der Google-Mitarbeiter arbeite in einer Art Trial-Error-Modus, so Dominik Terruhn. Es werde geforscht und ausprobiert. Entsprechen hoch sei der Enthusiasmus der Mitarbeiter. Und wenn etwas nicht funktioniere, erntete der Gescheiterte Schulterklopfer statt Hohn, Spott oder Mitleid. „Scheitern ist dort heroischer, als es gar nicht erst zu machen“, erklärte der Plan.Net-Geschäftsführer.

Dominik Terruhm konnte beobachten, wie die Google-Bosse Sergej Brin und Larry Page jeden Donnerstagabend auf einer Bühne vor ihren rund 5.000 Mitarbeitern in der Zentrale auftreten und dort auf jede Art von Fragen eingehen – von unternehmerischen Entscheidungen bis hin zu persönlichen Kleinigkeiten. Tags drauf erhalten alle Mitarbeiter weltweit das Video davon. Bei Googles Tochter Youtube sah der Deutsche Büros, die wie riesige Spielplätze anmuteten: etwa mit Laptop-Arbeitsplätzen und Laufbändern. Im Großraumbüro bei Facebook wiederum saßen die Mitarbeiter so dicht beieinander, dass sie eines nicht haben dürfen: Berührungsängste.

In einer solchen Umgebung müsse man sein urdeutsches Denken relativieren, so Dominik Terruhns Fazit. Er schloss mit den Worten: „Im Silicon Valley denkt man in großen Schritten. In Deutschland watschelt man“.

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Wegen Kindern gekündigt!

Fachkräftemangel? Familienfreundlichkeit? Die folgenden beiden Geschichten klingen so unglaublich, dass man meinen könnte, sie seien in unserer Gesellschaft längst nicht mehr möglich.

Alles redet über den demografischen Wandel und die Alterung der Gesellschaft. Seit Jahren wird diskutiert, was man tun könne gegen die Folgen der rückläufigen Geburtenraten und den drohenden Fachkräftemangel von morgen – außer die Einwanderung qualifizierter Fachkräfte zu fördern. Immerhin: „Vater Staat“ ist längst aktiv geworden. Beispielsweise gilt seit Kurzem ein Grundrecht auf Kindergarten- und Kita-Plätze. Außerdem werden Familien auf verschiedene Weise steuerlich begünstigt. Und schließlich gibt es schon seit längerem Elternzeit-Regelungen für Arbeitnehmer. Doch gerade hier klafft eine eklatante Gesetzeslücke. Und leider sind es wieder einmal Medien-Agenturen, die diese Lücke schamlos nutzen von dadurch sich reden machen …

Kaum ein Artikel fand in den letzten Wochen so viel Widerhall in der Branche wie das Interview mit einem Stuttgarter Grafik-Designer im Fachmagazin w&v Online. Er war in Elternzeit gegangen. Seine Agentur hatte ihn daraufhin stolz als „Vollzeit-Papa“ auf ihrer Website präsentiert. Und als er wiederkam? Gleich am ersten Arbeitstag nach seiner Elternzeit bekam er die Kündigung ausgehändigt.

Als Grund gab sein Arbeitgeber an, mit seiner Leistung nicht mehr zufrieden zu sein. Seltsam nur, dass jemand das an seinem ersten „neuen“ Arbeitstag zu hören bekommt. Im Interview gibt der Designer an, dass die Agentur zahlreiche Erfolge, Preise und gewonnene Kunden auch ihm zu verdanken hatte und der Chef stets zufrieden gewesen sei. Fast fünf Jahre habe er so in der Agentur gearbeitet. Erst an dem Tag, als er erstmals den Wunsch nach einer Elternzeit äußerte, sei der Chef „aus allen Wolken gefallen“ und es habe sich das Arbeitsklima merklich verschlechtert. Maximal zwei Monate Elternzeit würde er genehmigen – so lautete die unterschwellig drohende Bedingung des zornigen Agenturbosses.

Nun, der Grafik-Designer verlängerte seine Elternzeit eigenmächtig, da das junge Paar zunächst keinen Kita-Platz für ihr Kind fand. Möglicherweise verärgerte dies den Chef nachhaltig. Außerdem vermutet der Designer, dass sein Chef befürchte, es können weitere Kinder folgen.

Möglich wurde der Rausschmiss aber erst durch die oben kurz erwähnte Gesetzeslücke. Der Kündigungsschutz gilt nur für Unternehmen, die regelmäßig mehr als zehn Festangestellte beschäftigen. Die Agentur des gefeuerten Designers hatte … neun. Gerade diese knappe Zahl und das Verhalten – Stichwort Website – macht das Unternehmen „würdig“, einen Preis verliehen zu bekommen: Es hätte die goldene Keule für die perverseste Kündigung des Jahres verdient!

Leider ist dies aber kein Einzelfall. Nach dem Interview Ende Januar meldete sich im selben Magazin eine Art Direktorin aus München zu Wort, der es vor rund drei Jahren ähnlich ergangen war. Noch während ihrer Elternzeit hatte sie eine E-Mail mit der simplen Betreffzeile „Arbeitsverhältnis“ empfangen. Darin teilte der Chef ihr mit, dass er sie unter Berufung auf das Gesetz unmittelbar zum Ende ihrer Elternzeit kündigen werde. Somit bereute die Art-Direktorin ihren Schritt, den sie wenige Jahre zuvor getan hatte: aus größeren namhaften Unternehmen in eine kleine Firma mit dem Fokus auf ihre Leidenschaft Mode zu wechseln – in eine Agentur, deren Zielgruppe auch Frauen mit Kindern sind. „Ich war schon immer ein Karrieremensch. Aber Kinder gehören für mich nun mal zum Leben“, zitiert das Fachmagazin die 39-Jährige. Und weiter: „Nicht alles, was gesetzlich machbar ist, ist auch moralisch vertretbar“.

Bemerkenswert sind die Worte, mit denen der Designer aus Stuttgart sein Interview abschließt. Er würde Paaren auch weiterhin guten Gewissens empfehlen, die Elternzeit zu nehmen. Er sagt: „Die Familie geht vor, denn die bleibt idealerweise für immer“. Sein Tipp lautet, bei der Arbeitgeberwahl auch das Thema Kinderfreundlichkeit zu eruieren.

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Mit 17. Mit Erfolg.

Jung, erfolgreich, ohne Abschluss und Studium: Geht die Formel auf? Sie kann – wie einige Beispiele von Jugend-Unternehmern zeigen. Für sie geht Gründen vor Studieren.

Die Mark Zuckerbergs, die als Teenager aus Überzeugung oder aus einer scheinbaren Laune heraus ein Unternehmen gründen, gibt es auch in Deutschland. Einer meiner Geschäftspartner ist 33 und seit 15 Jahren selbstständig. Was nach der Erfüllung manch wundersamer Anforderungen aus Stellenanzeigen klingt (einerseits möglichst jung, andererseits langjährig berufserfahren), erklärt sich bei ihm ganz einfach. Bereits mit 18, als er sein Studium auf der Bayerischen Akademie für Werbung begann, nahm er Aufträge als Grafik- und Webdesigner an und gründete seine bis heute bestehende Agentur-GmbH.

„Richtig gute Leute, die haben die Uni eh alle abgebrochen“, wie Conrad Caine einmal sagte. Der gründete bereits mit 14 durch Vollmacht seines Vaters sein IT-Unternehmen in der Nähe von München und beschäftigt heute, eineinhalb Jahrzehnte später, bereits Hunderte von Mitarbeitern weltweit. Er wurde Hochschuldozent, ohne selbst einen Schulabschluss vorzuweisen. In der vergangenen Woche aber berichteten die Medien der Marketingbranche über einen 18-Jährigen Agenturchef aus Hamburg, der vor einem Jahr den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hatte – mit 17. Mit Erfolg.

Niklas Hoffmeier heißt der junge Gründer. Immerhin – er hat im letzten Jahr noch Abi gemacht. Aber die „Doppelbelastung mit Schule und Firma“ würde er so heute nicht mehr eingehen, wie er in einem Interview des Onlinedienstes „Gründerszene“ verriet: Erst seitdem er die Schule beendet hat, kann er sich voll und ganz seinem Unternehmen widmen. Seine Agentur für Online-Marketing und Suchmaschinenoptimierung wuchs danach kräftig. Ausschließlich mit freien Mitarbeitern gestartet, beschäftigt Niklas Hoffmeister heute fünf Festangestellte sowie rund 50 Freelancer. Über hundert feste Kunden stehen auf der Payroll.

Seine Studienpläne hat er nicht ganz ad acta gelegt. Er werde sie aber nur dann wieder aufnehmen, wenn es die weitere Entwicklung seines Unternehmens nicht gefährden würde. Das Unternehmen ist seine Zukunft. Und er ergänzt: „… ich persönlich habe in diesem Jahr so viel gelernt, wie ich meines Erachtens nach nicht in einem Studium hätte lernen können: von Teamführung, über Recruiting bis hin zu Online-Marketing, aber auch bürokratische Dinge“.

Die Reaktion seiner gleichaltrigen Freunde und Bekannte auf ihn und seinen Erfolg als Unternehmer sei durchweg positiv, so Niklas Hoffmeister weiter. Kritisch sähe ihn nur die ältere Generation. „Weil diese in alten Abläufen von Schule, Studium und Beruf denkt und weil ich, wie es sich für die Generation Y gehört, sehr offen, sehr zielstrebig bin“.

Eines stört den 18-jährigen Agenturchef bis heute. Als Jugendlicher wird er von den durchweg deutlich älteren Kunden und Geschäftspartnern anfangs oft wenig ernst genommen. Ein Problem, das ich von meinem eingangs erwähnten Partner her kenne: Auf manches Kundengespräch ließ er sich von deutlich älteren Mitarbeitern oder Kollegen wie mir begleiten. Kompensiert werden konnten diese „Defizite“ durch besonders viel Leistung und Professionalität. Aber die mangelnde Akzeptanz und Anerkennung ist nun wirklich nicht das Problem der jungen Leute. Da müssen wir Älteren uns an die eigene Nase fassen. Und wenn es sein muss, unseren Neid unter den Tisch kehren.

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Praktika: Es tut sich was …

Das Thema Umgang mit Praktikanten sorgt dieser Tage mal wieder für Rauschen im analogen wie digitalen Blätterwald. Doch heraus kommt nicht nur reichlich Wind, sondern offenbar auch Bewegung.

Zu einem Umdenken in der Szene der Medien und Werbeagenturen kam es bestimmt nicht erst durch den verzweifelt anklagenden Artikel von Bloggerin Sinah B. aus Österreich (siehe Beitrag letzte Woche). Ganz sicher aber hat ihr Artikel mit Hunderten von Kommentaren die öffentliche und mediale Diskussion wieder angestoßen. Und siehe da: Der deutsche PR-Agenturverband GPRA kam aus der Deckung und veröffentlichte diese Woche eine Erklärung im Fachmedium Werben & Verkaufen Online.

„Schluss mit dem Ausbeuter-Image“ heißt es in der Überschrift. Der Agenturverband habe sich auf Regeln und Standards für Praktika geeinigt. Sie sollen die Richtschnur für die Praktikanten-Ausbildung in jeder Mitgliedsagentur sein. Es geht um Mindeststandards. Wie sollen die aussehen?

Die Agenturen geben sich in erster Linie Lernziele vor. So wollen sie sicherstellen, dass ihre Praktikanten das Geschäftsmodell Agentur und das Berufsbild eingehend kennenlernen. Ferner erhalten Sie Einblicke in die Grundlagen von Kommunikation und PR sowie von einzelnen Arbeitsbereichen wie Texterstellung, Recherche oder Datenbank-Arbeit. Ebenso stehen Arbeitsorganisation und Teamwork auf dem Lehrplan. Schließlich sollen sie anhand kleiner eigener Projekte das selbstständige Arbeiten kennenlernen.

In der Regel sollen die Praktika der Verbandagenturen auf drei Monate festgesetzt werden. Zu Beginn wird der Ablauf besprochen und in der Mitte sowie am Ende des Praktikums soll es je mindestens ein Feedback-Gespräch geben. Jede Agentur stellt einen festen Praktikanten-Betreuer ab. Und in Sachen Bezahlung wollen sich die Agenturen am Bafög-Höchstsatz von 600 bis 700 Euro orientieren. Gute Nachrichten – zumindest aus einer von vielen Branchen und Verbänden.

Ist der GPRA damit weitgehend allein auf weiter Flur oder bereits in bester Gesellschaft? Offenbar wohl Ersteres. Wer nach „Standards für Praktikanten“ googelt, dem verspricht gleich der erste Eintrag die Unterseite „Praktikums-Standards“ beim Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA. Wer draufklickt, landet auf „Seite nicht gefunden – Page not found“ (Stand 6.2.2015). Der Standard scheint also immer noch das Fehlen der Standards zu sein.

Immerhin: Die EU-Kommission forderte bereits Ende 2013 unionsweite Richtlinien für Fairness und Qualität bei Praktika. „Die Mitgliedstaaten müssen sicherstellen, dass den Praktikantinnen und Praktikanten wertvolle Kenntnisse und Erfahrungen vermittelt werden, mit denen sie einen Arbeitsplatz finden können“, zitierte Focus Online den EU-Arbeitskommissar Laszlo Andor. Schon vor Beginn ihrer Arbeit sollten die jungen Leute genau über Arbeitszeiten und Vergütung informiert werden. Außerdem gelte es, die Lernziele schriftlich zu vereinbaren.

Als Maximallänge für ein Praktikum schlägt die EU sechs Monate vor. In dieser Zeit sollten die Praktikanten nicht etwa als billiger Arbeitskräfte-Ersatz dienen, wie es oft noch der Fall sei. Vielmehr sollten ihnen unter angemessenen Arbeitsbedingungen Lerninhalte vermittelt werden, die ihnen den Zugang zu späteren Arbeitsplätzen erleichtern. In Praktika sieht die EU auch eine Möglichkeit zum Abbau der hohen Jugendarbeitslosigkeit in vielen Mitgliedsstaaten. So wurde eine Jugendgarantie beschlossen. Durch sie sollen europäische Nachwuchskräfte unter 25 Jahren nach dem Schulabschluss oder dem Jobverlust zukünftig innerhalb von vier Monaten eine Stelle, eine Aus- oder eine Fortbildung angeboten werden. Zumindest aber ein Praktikum. Hoffentlich eines nach Standards.

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