Monthly Archives: Oktober 2015

Ungerade Lebensläufe: Wer wendet, weiß wohin.

Glatte, stromlinienförmige Lebensläufe galten lange als das Nonplusultra in einer Berufslaufbahn. Quereinsteiger schienen chancenlos. Dabei haben sie besondere Qualifikationen: die Lebenserfahrung, das Allround-Wissen – und die Fähigkeit, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Krumme Lebensläufe sind daher viel spannender, das sehen inzwischen auch immer mehr Arbeitgeber so.

Es war einmal … ein angehender Designstudent, der fuhr nachts Taxi. Er hatte Spaß am nächtlichen City-Abenteuer. Und er überlegte damals, in das Geschäft sogar fest und als Unternehmer einzusteigen – zumindest eine Zeitlang. Was er wurde? Werbekaufmann. Danach Texter. Schließlich Journalist. Eine langjährige Büroassistentin und spätere Teammanagerin wechselte nach über 20 Jahren ins Theater und ist heute Vollblut-Regisseurin. Ein ehemaliger IT-Controller arbeitet heute als begeisterter Designer und gleichzeitig Programmierer von Websites und Apps in einer Digitalagentur. „Life is what happens to you while you’re busy making other plans“, sang John Lennon einmal. So weit ich weiß, war er nie etwas anderes als Musiker. Aber bezogen auf die drei Beispiele von oben und Millionen von anderen Menschen hat er recht.

Das sogenannte Berufsleben wandelt sich schneller denn je. Zeit wird’s daher, das klassische Ideal vom aalglatten Lebenslauf über den Haufen zu werfen: Ausbildung, Arbeitsplatz, Karriere, Chefposten – alles im gleichen Beruf. Oder anders ausgedrückt: Von fünfzehn Punkten in den Anforderungen der Stellenanzeige müssen mindestens 13 passen. Passé. Denn Zeit wird’s für Personaler wie für Chefs, auch mal Abweichungen dieser klassischen Schiene zu verfolgen, wenn sie aus Bewerbern ihre Kandidaten für offene Stellen herausfiltern wollen.

Nehmen wir nur das Beispiel digitales Marketing. Dies ist ein Berufsfeld, das vor zwanzig Jahren noch gar nicht existierte. Niemand kann darin jahrzehntelang Erfahrung haben. Oder den Werbekaufmann. Diesen Branchen-Generalisten der 70er bis 90er-Jahre gibt es gar nicht mehr. Er nennt sich heute Kontakter, Key Account Manager, Executive Assistant oder von mir aus Produktionsleiter und hat sich ganz auf seine jetzigen Felder spezialisiert. Und was Bewerber betrifft: Wo es keine Schubladen mehr gibt, passt auch keine Mappe mehr exakt bis aufs Detail hinein.

„Uns ist viel wichtiger, dass ein Bewerber ins Team und Unternehmen und dessen Art zu arbeiten passt“, erklären Ute Hagen und Anja Haufe unisono. „Mit dieser Grundvoraussetzung sollte jedem die Chance gegeben werden, sich zu beweisen, Verantwortung zu übernehmen oder seiner Leidenschaft zu folgen“, so die Personalberaterinnen. Aber woran kann diese Grundvoraussetzung definiert werden? Beispielsweise an Faktoren wie Größe oder Überschaubarkeit, Hierarchie-Strukturen oder Teamwork auf Augenhöhe.

Wer als Buchhalter aus einem kleinen Fliesenleger-Betrieb kommt, kennt Produkte und Kundenanforderungen und könnte möglicherweise auch als Verkäufer arbeiten. Ein erfahrener Mitarbeiter aus dem Rechnungswesen eines Autokonzerns könnte sicher nicht die Produkte seines Unternehmen verkaufen. Aber vielleicht ist er ja der goldrichtige Mann für die kaufmännische Prokura bei einem Zulieferer. Und wenn schon von Leidenschaft die Rede ist: Jeder kennt sicher ein Beispiel eines Menschen, der erst nach Jahrzehnten sein eigentliches Hobby zum Beruf machte. Einer meiner Freunde begann, Geschichte zu studieren – nach 15 Facharbeiterjahren in der Industrie. Heute ist er auf dem Weg der Habilitation zum Professor.

Wir finden weniger gerade Lebensläufe oftmals spannender als stromlinienförmige – so schilderte es die Personalmanagerin Eva Hille diese Woche in einem Interview des Marketing-Fachmagazins w&v. Sie spricht von Menschen, die sich ausprobieren möchten. Menschen, die es bewusster denn je in ihrem Leben „anpacken“ wollen. Und die den Mut haben, zuzugeben, dass ihr bisheriger Weg nicht der richtige war oder nicht mehr der richtige ist. Man kann sich nur wünschen, dass immer mehr Personaler diesen Mut auch anerkennen und die Chance für sich und ihr Unternehmen darin sehen. Übrigens, der Taxifahrer sitzt heute hier am Keyboard.

Empfehlen Sie diesen Beitrag:
FacebookTwitterGoogle+LinkedInXING

Ohne Worte

Heute mal eine ganz andere Geschichte. Aus einer anderen Perspektive. Ohne Einleitung. Einfach wirken lassen …

Ich könnte …

Der Wecker klingelt … noch nicht. Aber ich könnte jetzt eigentlich mal eine Stunde früher aufstehen. Für heute steht schließlich genug Arbeit auf dem Plan. Und meine Freundin oder die Kinder? Die können schließlich auch mal ohne mich frühstücken.

Ich könnte die Mittagspause gleich für den Termin mit dem Kunden in Anspruch nehmen, schließlich müssen letzte Vertragsdetails noch geklärt werden. Und wie sagt man so schön, das Schöne mit dem Notwendigen, oder nein, das Notwendige mit dem Nützlichen verbinden. Das ist es, wenn ich den Kunden gleich zum Essen einlade, statt das Gespräch im Büro während meiner wertvollen Arbeitszeit zu erledigen … und danach meine Mittagspausenzeit ohne jede nützliche Tätigkeit am Kantinentisch vergeude! Dann müsste ich mich womöglich ganz entspannt zu dem Azubi setzen, der da nachher ganz allein am Tisch sitzen wird und mit dem ich über nichts anderes als die neuesten Youtuber quatschen würde. Zeitverschwendung!

Ich könnte außerdem … das Meeting mit dem Lieferanten auf die Abendessenszeit oder danach legen, denn der richtet sich terminlich ganz nach mir und meinen Bedürfnissen. Dann hätte ich den ganzen Nachmittag lang Zeit, meine Arbeit selbst zu erledigen, statt Teile davon wegen des Meetings delegieren zu müssen.

So, geschafft, jetzt ist es 20 Uhr. Ich könnte noch das Meeting von morgen früh vorbereiten. Ist doch egal, ob ich jetzt noch eine halbe Stunde später nach Haue komme, oder nicht?

Ich könnte doch am Samstag ganz locker einmal vormittags, nachmittags, spätnachmittags und abends meinen Mailaccount auf dem Handy abrufen. Wen stört es schon, wenn ich in der Halbzeitpause im Stadion mal ganz schnell ein paar Antworten losschicke. Oder zwischen zwei Runden Mensch-Ärgere-Dich-Nicht mit den Kindern. Oder zwischen Hauptgang und Nachspeise mit Christine im Bella Italia. „Schatz, nur eine E-Mail…“!

Ich könnte mich Sonntag ins Büro setzen und das Manuskript, das Anfang der Woche rausmuss, schon mal vorbereiten. Dann mache ich sicher eine bessere Figur beim Chef. Denn der sagt immer, es ginge ihm nichts über gut vorbereitete Mitarbeiter.

Und im Urlaub unter Palmen, wo ich ohnehin nur vor mich hin relaxe? Dafür könnte ich die Abwesenheits-Notiz einstellen und schreiben, ich sei am Soundsovielsten wieder da, man könne sich aber an den Kollegen Meyer wenden. Denn Meyer weiß ja, unter welcher Nummer er mich im Notfall erreicht. Und Notfall ist immer, wenn ich nicht da bin.

Warum ich all das nicht tun sollte? Eigentlich ganz einfach.

Weil es mir viel, viel besser geht, wenn ich abschalte. Weil die Familie, die Freunde und die Kinder etwas von mir haben wollen. Nein, müssen. Oder vielleicht auch, weil ich unglücklich bin? Vielleicht dreht sich die Welt ja tatsächlich ganz normal weiter, wenn ich mal „nicht immer da“ bin. So wie ich jetzt am Rad drehe, gerät meine Welt jedenfalls bald aus den Fugen.

Empfehlen Sie diesen Beitrag:
FacebookTwitterGoogle+LinkedInXING

Kompetenzprofil: Sie sind, was Sie können

Ein kurzer Gedanke zurück zum Beitrag letzter Woche, zum Personalleiter oder gestressten Unternehmer: Wie können Sie ihm als Bewerber entgegenkommen, wenn er die Bewerbungen selektieren muss, und Ihre „ganz oben“ liegen bleiben soll?

Der perfekte Lebenslauf – kurz-prägnant und lückenlos, ist ein Eckpfeiler einer guten Bewerbung. Ute Hagen und ihr Team empfehlen zusätzlich zu Lebenslauf, Anschreiben, Zeugnissen und Arbeitsbeispielen ein Kompetenzprofil. Und wie der Name schon vermuten lässt: Es beantwortet die elementarsten Antworten zu den Fragen nach Ihrem Wissen und Können in wenigen Sekunden. Tabellarisch, in Listenform.

Über welche fachlichen Kenntnisse und besonders ausgeprägten Soft Skills verfügen Sie? Das und nichts anderes ist Thema Ihres Kompetenzprofils. Schreiben Sie keine Texte, sondern Stichworte oder stichwortartige Sätze. Gliedern Sie nach Prioritäten: Was Ihnen am wichtigsten für Ihre Arbeitgeber erscheint, gehört nach oben. Im Idealfall strukturieren Sie Ihr Kompetenzprofil so wie das Anforderungsprofil einer Stellenanzeige.

Nennen Sie beispielsweise einen Punkt „Führungskompetenz“ oder „Management-Erfahrung“. Sind Sie etwa Teamleiter, setzen Sie rechts daneben Ihre Erfahrung, zum Beispiel „7 Jahre Leitung der Abteilung Einkauf mit 5 Mitarbeitern“. Wenn Sie Prokurist oder Mitglied einer Geschäftsführung sind, interessieren Ihren zukünftigen Arbeitgeber sicher auch die Rechtsform des Unternehmens. Und, sofern kein Geschäftsgeheimnis, ungefähre Umsatzzahlen oder Geschäftsvolumina.

Wichtig: Der Punkt, den Sie „Fachkompetenz“ oder „spezifisches Know-how“ nennen können. Haben Sie Bilanzen, Steuererklärungen oder Jahresabschlüsse erstellt? Oder welche Bereiche davon haben Sie erarbeitet und unterstützt? Haben Sie die Produktionssteuerungs-Software implementiert oder eine Produkteinführungskampagne von Unternehmensseite aus geführt oder begleitet? Welche Abteilungen oder Ansprechpartner mussten Sie dabei koordinieren? Hier gehört es rein. Ebenso wie die Teilnahme an wichtigen Fortbildungsmaßnahmen wie „Seminar und 4-wöchiges Praktikum CNC-Schweißen“.

Trennen Sie gegebenenfalls den Punkt „Branchenerfahrungen“ von der Fachkompetenz. Keine Frage, dass Sie für einen Verlag oder Mediendienstleister umso attraktiver sind, je mehr an Medienwissen Sie aus Ihren bisherigen Firmen mitbringen. Doch was ist, wenn Sie sich nicht innerhalb derselben Branche bewerben? Sondern auf einem „branchenübergreifenden“ Posten wie etwa kaufmännischer Mitarbeiter im Marketing oder Controlling? Dann können Sie sich natürlich sowohl bei einem Lebensmittelhersteller als auch einem Stromanbieter oder einem Finanzbroker bewerben. Aber hier zeigen Sie mit all ihrem erworbenen Branchen- oder Produktwissen, dass Sie sich immer wieder in neue Themenbereiche einarbeiten konnten. Und wer weiß, vielleicht ergeben sich Synergien.

Schwieriger durch Daten und Fakten belegbar ist natürlich der Bereich „Soziale Kompetenz“ oder „Social Skills“. Hier muss sich der Personaler darauf verlassen, dass Sie wirklich, wie Sie vielleicht behaupten, einen „offenen und kommunikativen Führungsstil auf Augenhöhe“ pflegen, „verkaufsstark“ oder „verhandlungs- und vortragssicher“ sind. Nichtsdestotrotz: Ihre wichtigste Selbsteinschätzung oder Selbstkenntnis sollte genannt sein. So wie sie in den meisten Stellenanzeigen auch eingefordert wird. Vergessen Sie auch nicht Ihre Sprachkenntnisse. Wenn Sie diese Belegen können, wie etwa „4 Jahre Auslandstätigkeit in Atlanta, USA“, umso besser.

Ein Tipp zur Abrundung Ihres Kompetenzprofils ist „Privates“ oder „Work-Life-Balance“. Für viele Arbeitgeber ist es interessant, zu erfahren, mit welcher Art von Literatur, sportlicher Betätigung oder sozialem Umfeld Sie Kraft für lange Arbeitstage tanken.

Empfehlen Sie diesen Beitrag:
FacebookTwitterGoogle+LinkedInXING

Lebenslauf und kein Roman

Stellen Sie sich vor, Sie sind Personalleiter oder vielbeschäftigter Kleinunternehmer. Und Sie haben einen ganzen Stapel an Bewerbungen vor sich und alles – nur keine Zeit …

Dann können Sie sich denken, wie nützlich es ist, dass die Lebensläufe in den Bewerbungen kurz und übersichtlich gehalten sind. Denn Sie möchten (nein, müssen) in zehn Sekunden sehen können: Dieser Kandidat kommt in Frage und auf den Stapel „genauer ansehen“ oder „einladen“, der andere aber auf den Stapel „Absagen“. Wer Romane schreibt, scheint’s nötig zu haben.

Im Lebenslauf sollte nur stehen, wann Sie für welches Unternehmen in welcher Position gearbeitet haben. Punkt. Ganz grob, mehr nicht. Viele Unternehmen wünschen sich in ihren Stellenanzeigen nicht von ungefähr den Lebenslauf tabellarisch. Was nicht hinein gehört, sind Referenzen, Zeugnisse, Arbeitsproben. Dafür gibt es eigene Rubriken in Ihrer Bewerbung. Trotzdem scheinen viele Menschen beim Verfassen ihrer Bewerbung alles hineinsetzen zu wollen, was ihnen gerade durch den Kopf geht.

Was gibt es, das im Lebenslauf definitiv nichts verloren hat, damit Sie nicht verlieren?

Große zeitliche Lücken.

Sie waren einmal länger nicht beschäftigt? Nun, eine Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. Eine Phase der Neuorientierung klingt viel überzeugender. Elternschaft ist ein gutes Argument. Und vielleicht haben Sie sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern müssen. Selbst ein Sabbatical oder eine längere Urlaubsreise spricht nicht gegen Sie. Denn umso motivierter starte(te)n Sie danach neu. Es reicht, die Stationen Ihres Berufslebens in Jahren anzugeben. Lücken von wenigen Monaten können Sie im Lebenslauf locker ignorieren.

Links auf Facebook & Co.

Wenn Sie sich als Fotograf oder in sonstigen künstlerischen Bereichen bewerben, kann eine entsprechend aufbereitete Seite auf Facebook oder Instagram ein Pluspunkt sein. In kaufmännischen oder sonstwie gewerblichen Bereichen natürlich nicht. Die peinlichen Party-Prinz-Bilder vom Wochenende sollte kein Arbeitgeber zu sehen bekommen. Außerdem scheinen sie auszusagen: So benehme ich mich auch im Job. Den Unterschied zwischen Berufs- und Privatleben kenne ich nicht.

Lügen – auch Notlügen.

Sie sind schon länger auf Jobsuche? Trotzdem hilft es nichts, zu behaupten, das Praktikum dauere schon so lange, wenn es nicht stimmt. Die Erfahrungen, die Sie in Wirklichkeit nicht gemacht haben, könnten vorausgesetzt und Ihnen unterstellt werden. Und wer in seinem Lebenslauf lügt, kann später jederzeit fristlos gefeuert werden.

Referenzen.

Wie Sie beurteilt wurden und was Ihre Ex-Chefs sagen, steht in den Zeugnissen. Erst wenn Ihr Lebenslauf in aller Kürze überzeugt hat, möchte der neue Arbeitgeber oder Personaler sie lesen – und wird dazu das entsprechende „Kapitel“ Ihrer Bewerbung aufschlagen. Ohnehin gilt: Ihre Arbeitsproben sollten für sich sprechen, sofern Sie zu einer Berufsgruppe gehören, die auf dem Papier oder PDF Darstellbares erzeugt.

Leere Worte.

Sie sind kreativ, motiviert, fleißig und gründlich? Schön. Welcher Bewerber ist das nicht?! Lesen Sie hier mehr zum Thema Worthülsen in Bewerbungen. Besser als ein „erfolgreicher“ Teamleiter stellen Sie sich dar, wenn Sie – in aller Kürze natürlich – schreiben, dass Sie „als Teamleiter Distribution innerhalb eines Jahres 25% Produktivitätssteigerung“ erreicht haben. Oder im Vertrieb 30% neue Kunden. Sofern nachprüfbar.

Zu viele Seiten Länge …

Auch wenn Ihre Karriere viele Stufen kennt: Wird Ihr Lebenslauf länger als zwei DIN A4-Seiten, kürzen Sie ihn und beschränken Sie sich auf das Wichtigste. Nicht jeder Job muss detailliert beschrieben sein. Sofern Sie schon mehrere Jahre und Stationen an Berufserfahrung haben, interessiert zum Beispiel niemanden mehr Ihr schulischer Werdegang.

aber auch zu wenig Inhalt.

Und nun zum Gegenteil: Ein zu kurzer Lebenslauf mit „fast gar nichts drin“ schließt Sie fast automatisch aus. Minimum ist eine A4-Seite mit gut gefülltem Inhalt. Sind Sie Berufsstarter? Dann sprechen Sie über anderweitig erlangte Kenntnisse und Schul- oder Lebenserfahrungen, die Sie ins Unternehmen und in die Stelle mit einbringen können. Als „Starter“ können Sie auch einen Satz über Ihre Lebens- und Arbeitsphilosophie mit einbinden. Dazu Ihre Berufsziele – und was Sie mit der Arbeit, auf die Sie sich bewerben, erreichen wollen.

Empfehlen Sie diesen Beitrag:
FacebookTwitterGoogle+LinkedInXING

Macht des Lobes

Welches ist erwiesenermaßen die wirksamste Maßnahme, die Produktivität von Mitarbeitern zu steigern? Die Motivation durch ehrliche und anerkennende Worte. Doch genau das scheint schwieriger zu sein als jede technische oder organisatorische Veränderung im Betrieb. Denn offenbar kann kaum ein Chef richtig oder überhaupt loben.

Ein Jahr, nicht länger, zum Glück nicht länger habe ich in einer Werbeagentur gearbeitet, in der die einzige Anerkennung, die ich jemals erfuhr, die war, dass man mir überhaupt den Job gab. Mulmige Gefühle begleiteten mich stets auf Weg mit meinen Manuskripten zum Chef. Aber da ging es mir nicht anders als allen anderen Kollegen. Wenn man Glück hatte, zerriss er die Arbeit nicht vor den eigenen Augen ihres Verfassers oder Gestalters, sondern knurrte bestenfalls so etwas wie ein schlechtgelauntes und zweifelndes „Soso, das soll’s also sein. Naja … mal sehen, was der Kunde dazu sagt“. Dann der Tag meiner Kündigung. Und – halt, ich hatte unrecht: es gab eine zweite Anerkennung. Vom Chef persönlich, der bemerkte: „Aber es war doch gar nicht so schlecht hier bei uns! Wir waren doch zufrieden mit Ihnen…“. Ach ja?

Was will ich eigentlich: Mir geht es doch wie 75% aller Mitarbeiter überall. Nur jeder Vierte wird gelobt, las ich neulich wieder in einer Studie. Dabei ist Lob anerkanntermaßen der größte Anschub für Motivation und Produktivität. Und ihr Killer, wenn es ausbleibt, denn wir Menschen sind nun mal Narzissen. Doch meine ich damit jedes Lob? Nein. Das „Danke, gut gemacht. Wie immer“ eines späteren Unit-Leiters klang irgendwann nicht mehr so, als sei es ehrlich gemeint. Es klang unglaubwürdig, so, als stecke eine Taktik dahinter, die mich zu Ruhigstellung und Loyalität zwingen wolle.

Gegenbeispiele gefällig? Gerne. In einem Verlag leistete ich unaufgefordert, klaglos und motiviert eine Menge Überstunden, um zu helfen, ein neues Projekt zu stemmen. Im Gegensatz zu den Kollegen stellte ich mich zeitlich unbegrenzt zur Verfügung, und das auch, weil mir das Projekt zugegebenermaßen sehr viel Spaß bereitete. Der Spaß wurde gekrönt, als der Chef und die Projektleiterin mich und meine Freundin danach spontan zum Essen einluden. Und ich muss nicht erwähnen, dass es nicht zur Pizzabude ging. Doch konnte es noch ein größeres Lob, eine wirkungsvollere Motivation geben als dieses Essen? O ja. Nämlich jene, mich kurze Zeit später selbst ein vergleichbares Projekt leiten zu lassen. Das war Anerkennung durch Aufwertung.

Sind nur Spitzenleistungen zu loben? Nein, auch gut gemachte Routinejobs sollten von Zeit zu Zeit hervorgehoben werden, damit der Ansporn bleibt oder gesteigert wird. In einem weiteren Verlag bat mich eines Tages die Chefredakteurin in ihr Büro. Das musste nichts Gutes heißen. An diesem Tag aber überreichte sie mir völlig überraschend eine Sonderprämie – in bar! Sie sagte, man sei so zufrieden mit meiner Arbeit, dass ich mir diese Zusatzgratifikation zum bevorstehenden Feiertags-Wochenende verdient hätte. Und eine Gehaltserhöhung noch dazu.

Das Schönste daran für den Gelobten? Zum Anlass nahm sich die Chefin nicht eine einzelne, außergewöhnlich erfolgreiche Arbeit und ihre spontane Begeisterung darüber – obwohl so etwas, wie im Beispiel davor beschrieben, ungeheuer wichtig ist. Sondern sie belohnte die kontinuierliche Leistung. Das motivierte mich nachhaltiger als jedes Lob für eine Einzelarbeit, nach der alles Folgende jahrelang und unkommentiert als selbstverständlich hingenommen worden wäre. Und die fünf Minuten, die sie sich Zeit für das Gespräch in ihrem Büro genommen hat, bleiben mir bis heute, nach fünfzehn Jahren, unvergessen.

Es gibt noch genügend weitere gute Beispiele für motivierendes Lob, auch für indirekt geäußertes. Etwa, wenn der Chef den Mitarbeiter um Rat fragt oder ihn spüren lässt, auf seine Meinung Wert zu legen. Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele wie jenes der berüchtigten Sandwich-Methode, bei der Positives oft nur gesagt wird, um zwischen den Lob-Refrains die Strophen der Kritik zu verpacken.

Aber wie, wenn nicht durch gelegentliches, gut dosiertes und vor allem ehrliches Lob, soll denn ein Mitarbeiter seinen Stellenwert beim Chef einordnen? Wie soll er wissen, wie wichtig „denen da oben“ sein Beitrag, seine Stärken oder auch seine Geduld und Beharrlichkeit für das Unternehmen und seine Erfolge sind? Woher soll er sein „Selbstwertgefühl am Arbeitsplatz“ tränken oder mögliche Versagensängste besiegen?

Was für Chefs und ihre Mitarbeiter gilt, lässt sich übrigens auch auf das Verhältnis zwischen Kunden und Lieferanten übertragen. Neulich rettete mir das ausgesprochene Lob einer Kundin ein ansonsten durch privates Pech fast vollkommen verhunztes Wochenende. Auch da weiß ich – als heute Selbstständiger –, wovon ich rede.

Empfehlen Sie diesen Beitrag:
FacebookTwitterGoogle+LinkedInXING