Monthly Archives: November 2015

Mangelware Gründerin

Nichts Neues: Frauen trauen sich unterdurchschnittlich selten, ein Unternehmen zu gründen. Trotzdem ist das Thema wieder aktuell, denn diese Woche wärmte eine aktuelle Statistik das alte Lied von neuem auf.

Von Jens Kügler

Das Infoportal Statista füttert Journalisten und Blogger regelmäßig mit Zahlen, so wie Anfang dieser Woche. Die Zahlen stammen aus einem jüngst publizierten Bericht der OECD. Unter den 18- bis 64-Jährigen in Deutschland fühlten sich demnach nur 31 Prozent aller Frauen grundsätzlich befähigt, ihre eigene Chefin zu werden. Bei den Männern hingegen spüren 45 Prozent das „Gründer-Gen“ oder zumindest die notwendigen Fähigkeiten in ihren Veranlagungen. Für andere Länder fallen die Werte übrigens ähnlich aus, so die Statistiker. Leider beantwortet das Zahlenwerk aber nicht, wie die Geschlechter die Fähigkeiten des jeweils anderen einschätzen. Und ob diese oder jene mit ihren Einschätzungen am Ende richtig lägen.

Wer jetzt auf Statista geklickt hat, findet noch weitere Ergebnisauswertungen zum gleichen Stichwort. Ich möchte nur zwei noch kurz herausgreifen. Eine davon klingt immerhin etwas ausgeglichener, wenn auch immer noch nach leichter Männerdominanz. Im Jahr 2014 betrug der „Frauenanteil an allen Gründerpersonen“ 43 Prozent, also schon fast die Hälfte. Definiert werden „Gründerpersonen“ als diejenigen, die innerhalb von 12 Monaten vor der Befragung eine Selbstständigkeit begonnen hatten.

Statistik Nummer drei lässt die Geschlechter-Ungleichheit schon weitaus stärker erkennen. Hier werden die Gründungen von 2008 bis 2010 nach Branchen und Geschlecht getrennt. Wie kaum anders zu erwarten, herrschen die klassischen „Männerdomänen“ und „Frauenberufe“ ungebrochen vor. Fast 43 Prozent aller Frauen-Gründungen spielten sich in den „persönlichen Dienstleistungen“ ab und jeweils nicht einmal drei Prozent im Bereich Bau oder verarbeitendes Gewerbe. Männer gründeten nur zu rund 20 Prozent in den persönlichen, dafür zu 40 Prozent in den wirtschaftlichen Dienstleistungen (Frauen: 32%). Nur im Handel lagen beide Geschlechter mit 19 bzw. 17 Prozent fast gleichauf.

Doch zurück zu den OECD-Zahlen von dieser Woche. Es herrscht nicht nur ein Fachkräftemangel, sondern offensichtlich auch nach wie vor eine Unternehmerinnen-Knappheit. Dabei: Dass Frauen gründen sollten, dafür hätten sie – im wahrsten Sinn des Wortes – beste Gründe. Schließlich sind sie in der Arbeitswelt noch immer enorm benachteiligt in Puncto Gehalt und Karriere. Sie müssten sich als Jungunternehmerinnen selbst aus dieser Angestellten-Notlage befreien. Die gleiche Benachteiligung gilt in Deutschland für Menschen mit Migrationshintergrund. Bloß mit einem Unterschied: Während Frauen mehrheitlich zögern und sich zu wenig zutrauen, haben Migranten in den vergangenen Jahren stets eine doppelt so hohe Existenzgründerquote aufgewiesen wie die Gesamtheit aller Bürger mit einheimischen Wurzeln (was übrigens das Vorurteil widerlegt, dass die vermeintlichen Fremden „uns“ die Arbeitsplätze „wegnehmen“). Über die Gründe für zu wenig Gründerinnen ist auch an dieser Stelle oft genug spekuliert worden. Ich frage mich nur, wie lange das noch nötig ist.

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Wir Facebook-müden Gesichter

Das Beispiel der dänischen Studie („Happy Research Institute“) aus dem Post letzter Woche gibt zu denken, doch es verwundert nicht: Permanente Mediennutzung stresst, gelegentlicher Verzicht tut uns gut. Doch was tun wir?

Morgens, halb zehn, in Deutschland. Jenny (Name natürlich erfunden) hetzt von der Bushaltestelle in die Firma, ohne auch nur einmal den Blick zu heben. Ihr Gesicht glänzt blass im Licht vom Handy-Display. Die Netzwerk-Kommentare und Statusmeldungen müssen alle noch beantwortet werden. Und die Whatsapps, die dauernd reinpiepsen, sowieso. Sonst werden Katja, Sammy und „er“ womöglich noch ungeduldig werden. Man hat schließlich „da“ zu sein für seine Freunde!

Bürotür auf: Das Smartphone fliegt halb verrichteter Dinge in die Ecke – Katja muss dann doch noch warten – , denn der Rechner an Jennys Arbeitsplatz schüttet wie jeden Morgen tausend E-Mails aus. Kein Absender darf lange auf die Antwort warten. Also sofort Tastatur her! Der Chef braucht sein „Ja, sofort“, der Kunde sein „… ist unterwegs“, der Spam gehört vernichtet. Das Meeting gleich um 10? Jenny ist völlig gestresst. Der Tag fängt gut an. Und jede Wette: Genau so wird er weitergehen.

Bei Leuten wie Jenny – sprich, uns allen – kann es kein Zufall sein: Proportional zur elektronischen Vernetzung steigt die Rate der Burnout- und Krankheits-Ausfälle. Wem aber das „Abschalten“ gelingt, der fühlt sich im Allgemeinen wohler und entspannt. All das wird gepredigt wie ein Mantra. Jeder weiß, es stimmt. Und doch gönnt sich kaum einer die Ruhe.

Dabei kann eines kann nicht oft genug wiederholt werden: diese uralte Regel aus guten alten, entspannten Zeiten. Der Mensch kann sich nur 45 Minuten auf eine Tätigkeit konzentrieren, dann lässt die Aufmerksamkeit nach und die Müdigkeit steigt. Deshalb dauern Schul- oder Fahrstunden seit jeher grundsätzlich 45 Minuten. Wie aber kann es aussehen, den Arbeitstag in Dreiviertelstunden-Einheiten einzuteilen?

Im Idealfall: das Telefon abstellen. Das Handy sowieso – das klappt in Schulklassen schließlich auch, ganz zu schweigen vom Kino oder Theater. Aber wenn es geht, sollte auch der Anrufbeantworter am Arbeitsplatz eingeschaltet werden. Und dass für E-Mails meistens zwei oder drei Slots am Vor- wie Nachmittag zum Bearbeiten reichen, sollte bekannt sein – weil niemand eine sofortige Antwort erwartet. Es gibt schließlich Meetings und andere Begründungen für Abwesenheiten! Vielfach lässt sich mit den Arbeitgebern abklären, zu welchen Zeiten man erreichbar sein „muss“ und wann sich Phasen für konzentrierte, ungestörte Arbeit an einzelnen Vorgängen einlegen lassen. Wer nicht immer erreichbar ist, lebt entspannter und arbeitet produktiver!

Jede Wette, dass Jenny dafür auf die Dauer dankbar sein würde, lockerer, fitter – und erfolgreicher. Und angenommen, sie bearbeitet eins, zwei Mal am Tag ihren Facebook-Account am PC statt auf dem Handy. Angenommen, sie guckt öfter mal ein kurzes, lustiges Youtube-Video mit den Kolleginnen zusammen … liebe Arbeitgeber: lasst sie. Das ist Abwechslung, Entspannung und ebenso wichtig wie die kleine Raucherpause. So viel Vertrauen muss sein, wenn Jenny gut arbeitet. Und noch besser arbeiten könnte. Und nicht krank werden soll. Wie wir alle…?

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Good bye, nine to five

Geregelte Arbeitszeiten? Schnee von gestern. Laut aktueller Studien arbeiten immer mehr Deutsche auch abends und am Wochenende. Und in ihrer Freizeit? Selbst da sind sie gestresster denn je. Schuld geben viele den sozialen Netzwerken, die das Wort „sozial“ damit ad absurdum führen. Aber von vorne …

Autor: Jens Kügler

Always available: 29 Prozent aller Deutschen sind auch nach Feierabend für ihren Chef erreichbar. Das geht aus einer Studie hervor, die offensichtlich in gut beabsichtigter Weise „Zukunft Gesundheit“ genannt wurde. Durchgeführt hat sie die Schwenninger Krankenkasse gemeinsam mit der Stiftung „Die Gesundarbeiter“. Klingt erschreckend schön – doch das krankmachende Zahlen-Karussell dreht sich fröhlich weiter: 26 Prozent aller Erwerbstätigen arbeitete 2014 regelmäßig zwischen 18 und 23 Uhr. 1992 waren es nur 15 Prozent. Die Studie, die das herausgefunden hat, heißt – ebenfalls euphemistisch – „Qualität der Arbeit – Geld verdienen und was sonst noch zählt“ und kommt vom Statistischen Bundesamt. Ihr zufolge arbeiteten 2014 bereits 26 Prozent samstags und sonntags 14 Prozent. 1992 waren es erst 20 bzw. zehn Prozent.

Aber – Achtung: Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist von 38,2 Stunden 1992 auf 35,3 Stunden 2014 gesunken! Also doch alles nur Gejammer? Nein: Diese „35-Stunden-Woche“ ist auf die vielen Teilzeitjobber zurückzuführen. Laut Statistischem Bundesamt verdoppelte sich deren Anteil in den letzten zwei Jahrzehnten von 14 auf 28 Prozent. Und es hilft niemandem, zu erwähnen, dass die Statistiker einen Grund für die Zunahme der Teilzeitjobs in den längeren Ladenöffnungszeiten vermuten. Noch eine ermüdend lange Zahl gefällig? Jeder achte Vollzeit-Erwerbstätige arbeitet 48 Stunden und mehr pro Woche. Es sind vor allem Selbstständige und Führungskräfte, die sich dadurch ihre notwendige Freizeit und Regenerationszeit beschneiden. Gesundheit? Ausgleich? Familie? Man muss halt Prioritäten setzen …

Halt: Ein Modewort unserer Tage heißt flexible Arbeitszeiten. Immer mehr Unternehmen lassen ihren Mitarbeitern die Freiheit, zu entscheiden, wann und sogar wo sie arbeiten. Im digitalen Zeitalter wandert der Arbeitsplatz schließlich als Notebook mit ins Wohnzimmer und die Daten werden von der Cloud gesogen. In der Praxis heißt das nur allzu oft: Wo einst korrekte Stechuhren tickten, füllen sich heute endlos lange Arbeitszeitkonten. Arbeitnehmervertreter warnen, dass Unternehmen die zeitlichen wie räumlichen Freiheiten ausschließlich zu ihren Gunsten nutzen. Quasi zur Worst-Life-Balance. Schön für die vielbeschworene Generation Y, die aufgrund des demografischen Wandels länger im Leben zu arbeiteten haben dürfte als ihre Vorgänger. Und die heute schon zugucken kann, wie die 50+-er ihre Gesundheit in 48-Stunden-Wochen ruinieren.

Apropos Generation Y: Hier lohnt sich noch einmal ein Blick auf die erstgenannte Studie mit dem schönen Namen „Zukunft Gesundheit“. Sieben von zehn der 14- bis 34-Jährigen fanden das vergangene Jahr anstrengender als das Jahr zuvor. Fast zwei Drittel fühlten sich häufig gestresst. Und das nicht nur in und wegen der Arbeit: Auch für ihre Familie und Freunde müssten sie fast pausenlos erreichbar sein. Schuld seinen unter anderem die digitalen Medien wie Whatsapp oder Facebook. Kann man daraus schließen, dass diese Menschen ohne Facebook oder Twitter glücklicher wären? Auch kaum denkbar, oder?

Vielleicht doch! In Dänemark gibt es ein „Happy Research Institute“. Die Skandinavier führten eine Studie durch, für die 500 Teilnehmer eine Woche lang auf Facebook verzichteten. Eine Vergleichsgruppe nutzte das soziale Netzwerk gleichzeitig wie gewohnt. Fazit des Institutsleiters Meik Wiking: Die Offliner fühlten sich konzentrierter, verschwendeten weniger Zeit und seien im „echten“ Leben mit ihren sozialen Kontakten viel zufriedener gewesen. Das heißt im Umkehrschluss: Für alle außer einer Handvoll Glücklicher, die Smartphone oder Tablet auch mal ausschalten können, muss selbst die Freizeit purer Stress sein.

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Unter Männern

Aus männlicher Sicht ist diese, „unsere“ Arbeitswelt noch in ihrer guten alten Ordnung. Wir Männer machen Karriere und werden dabei von Frauen kaum herausgefordert. Die Frauen sind nach wie vor zu ängstlich, um uns gefährlich zu werden.

Autor: Jens Kügler

Gleichberechtigung hin, Frauenquote her: Beruhigend – wie gesagt, aus männlicher Sicht – ist es, dass sich am gesellschaftlichen Rollenspiel nicht viel geändert hat und wohl auch nicht viel ändern wird. Nur soviel: Inzwischen sind weit über die Hälfte aller Abiturienten Frauen. Etwas mehr als die Hälfte aller Studienplätze und fast die Hälfte aller Doktortitel sind in zarten weiblichen Händen. Aber was ist in den Führungspositionen? An den Unternehmensspitzen? Und in „unseren“ technischen Berufen? Da bleiben wir Männer unter uns und müssen uns vor weiblichen Nebenbuhlern kaum fürchten.

Frauen erziehen Kinder und arbeiten in Teilzeit. Wo sie fest angestellt sind, steht Sekretariat oder Teamassistenz, Buchhaltung oder Personalabteilung an der Tür. Chefposten? Männersache. Auch der Unternehmergeist ist wohl ein Mann. Ganze 13 Prozent aller Start-up-Firmen sind Frauen-Gründungen. Und wenn Frauen ein Unternehmen gründen, dann meistens nur dort, wo sie in „ihrem Element“ sind: Kosmetikstudio, Geschenkversand, Modeatelier, Trendküche. Schlüpft doch mal eine Dame in den Wolfspelz einer Männerdomäne, so ist und bleibt sie ein harmloser Exot und muss nicht damit rechnen, dass ihr die Kunden automatisch dieselbe Kompetenz zusprechen wie uns männlichen Kollegen. Zum Glück für uns: Die versierte Autohaus-Besitzerin wird ebenso wenig zum Massenphänomen werden wie die erfolgreiche Bauunternehmerin.

Eine dieser wenigen Mutigen, die uns Männern Konkurrenz machen, ist Freya Oehle. Sie schrieb neulich im Redaktionsblog „Klartext“ auf Xing, welchen Vorurteilen sie ausgesetzt ist. Ihre Gründung ist ein stark techniklastiges Unternehmen im Bereich E-Commerce. Was sie von Investoren zu hören bekam, waren Bemerkungen wie das verdutzte „Sie sind ja eine Frau?!“. Und bei Dritten holte „mann“ sich Erkundigungen ein über die Ernsthaftigkeit ihrer Gründungsabsicht und über ihr fachliches Know-how. Ehrlich, welche – sagen wir mal – durchschnittliche Frau möchte sich dieser Situation aussetzen? Da lassen die meisten dann doch lieber ihre bestens gepflegten Hände davon! „Mann“ kann aufatmen!

Wenn es um Posten und Beförderungen geht, sind wir Männer immer noch die besseren Selbstdarsteller. Frauen plagen sich mit Ängsten und Selbstzweifeln. Gut für uns Männer, dass sich so wenige Frauen ebenso viel zutrauen wie wir uns! Anja Haufe von Your Success Counts erinnert sich an eine Personalleiterin, die einmal sagte: „Frauen bewerben sich nur dann, wenn sie mindestens fünfzig Prozent der Anforderungen erfüllen. Männer bewerben sich bereits, wenn sie die Anzeige lesen können“. In der Wirtschaftswoche stand kürzlich ein Artikel über das Thema, wie Frauen sich selbst und ihrer Karriere im Weg stehen. Ich zitiere fast wörtlich: Steht in einer Stellenanzeige, dass der Gesuchte fließend Spanisch spricht, bewerben sich Frauen nur, wenn sie Muttersprachlerinnen sind. Männer bewerben sich selbst dann, wenn sie kaum mehr als den Satz „Hola, qué tal?“ beherrschen.

Ach ja, Frauen arbeiten lieber mit Menschen. In den sogenannten MINT-Berufen sind wir Männer unangefochten vorn und unbedrängt. Gleichberechtigung, Diversity – all das entwickelt sich doch deutlich langsamer als viele einmal gehofft oder befürchtet hatten. Inzwischen geht das Jahr 2015 zu Ende. Es beginnt die zweite Hälfte des immerhin schon zweiten Jahrzehnts im fortschrittlichen 21. Jahrhundert. Die Frauen überlassen uns Männern immer noch das Feld. Und wenn es nach uns geht, wird es wohl Zeit, dass sich daran nichts ändert … oder, Mädels?

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