Monthly Archives: Juni 2016

Fachkraft? Nein danke! 42 Prozent der Kandidaten brechen Bewerbungsprozesse ab.

Bewerben ist kompliziert. So kompliziert, dass fast die Hälfte aller Kandidaten schon Prozesse abgebrochen hat. Das – und manch Eklatantes mehr – verrät eine aktuelle Studie.

Sie kennen das? Wer kennt es nicht! Sie sind auf der „Karriere“-Seite eines Unternehmens und füllen das Online-Bewerbungs-Formular aus. Leider ist Ihr PDF zu groß. Leider haben Sie keine eingescannten Zeugnisse, sauber sortiert in einem Dokument. Und dann noch das. Sie sind gerade unterwegs und möchten die Reisezeit praktischerweise zum Bewerben nutzen. Doch leider ist die Karriere-Seite nicht „responsive“, sprich auf Mobilgeräte angepasst. Sie erreichen nicht mal den „Absenden“-Button. Wer kann heute noch behaupten, das sei ihm nie passiert?

Da verwundert es nicht, was diese Woche eine Studie von Indeed offenbarte(revealed), dem weltgrößten Jobportal. Indeed befragte über 500 Personalverantwortliche und mehr als 1.000 Bewerber. Das Ergebnis: 42 Prozent aller befragten Kandidaten haben schon mindestens einmal Bewerbungsprozesse abgebrochen. Fast 25 Prozent haben sogar schon eine Anstellung abgelehnt, weil sie sich im Bewerbungsprozess nicht ausreichend wertgeschätzt fühlten. Doch warum?

Ein Grund ist das Anschreiben. Die Hälfte aller Kandidaten sehen in der Formulierung den anstrengendsten Teil einer Bewerbung. Und die Personaler? Fast 70 Prozent möchten anhand des Anschreibens die „Ausdrucksfähigkeit“ bewerten. 45 Prozent sehen es, wie die Studie zeigt, als „notwendige Fleißaufgabe!“.

Welche Bewerbungs-Wege bevorzugen die Kandidaten? Es sind durchweg die innovativeren, als die HR-Verantwortlichen anbieten. 63 Prozent aller Kandidaten würden sich gern direkt über die Online-Jobseiten bewerben können (und zwar wirklich können. Nicht wie oben beschrieben!). Rund 20 Prozent wünschen sich mobile Kanäle und Social Media-Seiten als Bewerbungs-Tools. Und die Unternehmen? Sie bevorzugen bis heute die klassische Mappe per Post oder die E-Mail. Sieht nicht nach Vereinbarkeit aus.

Mehr noch: Die Personalabteilungen lesen aus der Mühe beim Erstellen der Unterlagen die Motivation der Kandidaten heraus! Übrigens schätzen die Personaler den Zeitaufwand hierfür mit 51 Minuten völlig falsch ein. Real liegt er laut Studie bei 74 Minuten. Die Kandidaten aber halten 42 Minuten für angemessen. Gut die Hälfte. Krasse Diskrepanz.

Wie sieht es mit dem Feedback an die Bewerber aus? 60 Prozent aller Unternehmen informieren ihre Kandidaten nicht regelmäßig über den Status ihrer Bewerbung. Dabei wünschen sich dies … 99 Prozent aller Bewerber! Kein Feedback führt aber dazu, dass Kandidaten abspringen. Wer will es ihnen verübeln?

All dies wäre ja schön und gut, wenn ein Überangebot an Bewerbern bestünde und sich die HR-ler die Rosinen herauspicken könnten. Dabei hört man landauf, landab nichts als Klagen über „Fachkräftemangel“! Hier besteht ein eklatantes Missverhältnis zwischen überkommenen Personaler-Erwartungen und Bewerberwünschen. In einem Bewerbermarkt mit mehreren Optionen für jeden Kandidaten sind die Kandidatenwünsche aber so wichtig wie die Wünsche der heiligsten aller Kühe, Seiner Majestät König Kunde.

Kurzum: Employer Branding beginnt mit Bewerberfreundlichkeit. Nur wer das verinnerlicht, hat eine Chance auf die besten Köpfe. Und hat verstanden. Der Rest hat fertig.

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Generation Du

Ist es, um die begehrten, qualifizierten Fachkräfte der Generation Y zu gewinnen? In vielen Unternehmen wird wieder geduzt. Vom Praktikanten bis zum Chef. Von oben verordnet.

Im Januar dieses Jahres hat der Versandhandels-Konzern Otto das Du als allgemeine Ansprechformel eingeführt – im ganzen Unternehmen, zwischen allen Ebenen. Als Teil eines „Kulturwandels 4.0“ bezeichnet der Vorstandsvorsitzende Hans-Otto Schrader diese Maßnahme in Anspielung auf die Digitalwelt, aus der heutige Bewerber rekrutiert werden. Und richtig: Otto sucht alleine für dieses Jahr mehrere Hundert Experten für IT, BI und E-Commerce, wie das Marketing-Fachmagazin w&v diese Woche veröffentlichte.

Warum Du? Mitarbeiter auf allen Ebenen sollen auf Augenhöhe mit Chefs und Kollegen kommunizieren, wie die Otto-Protagonisten in dem Fachmagazin weiter zitiert werden. Auch Bewerber könnten sich aussuchen, ob sie das Vorstellungsgespräch, ja sogar das Anschreiben per Du führen. Die Personalchefs versprechen sich davon relaxtere Kandidaten. Apropos: Die Otto-Bewerber müssen auch kein umständliches Anschreiben mehr formulieren. Einfach das Online-Formular ausfüllen, fertig. Wenn sie wollen, können sie stattdessen sogenannte Motivationsfragen beantworten. Auf ihrem Profil verfolgen sie den Stand ihrer Bewerbung wie mit einer Tracking-Funktion. Im Azubi-Blog tauschen sie Meinungen und Informationen aus. Otto wirft sogar die Angelroute im Netz aus: Einige potenzielle Kandidaten sollen von ihrem Xing-Profil direkt zum Unternehmen geführt worden sein.

Mit der Intention, die hinter alledem steht, wird auch der tiefere Beweggrund klar: Otto möchte es den Bewerbern so bequem wie möglich machen. Und das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass Unternehmen heute um die besten Köpfe werben müssen. Was das „Du“ betrifft: Dies ist nun einmal die Ansprache einer Generation, die sich ungern an alte Konventionen und strukturen anpasst.

Mit seinem sogenannten Kulturwandel 4.0 ist Otto aber kein Revoluzzer. In vielen Startups und e-commerce-starken Unternehmen wird seit jeher ein unkonventioneller Umgang gepflegt und formlos mit Du gegrüßt. Selbst der Digitalchef von Volkswagen, Johann Jungwirth, denkt offenbar darüber nach, das generelle Du einzuführen. Jedenfalls zitiert ihn das erwähnte Branchenfachblatt in einem anderen Artikel mit den Worten: „Am liebsten wäre es mir, das Siezen abzuschaffen“. Als ehemals jahrelanger Apple-Manager in Silicon Valley könne er sich weder damit noch mit Förmlichkeiten wie Anzug oder Krawatte wieder anfreunden. Diese Dinge würden Abstand und Gräben schaffen.

Sicher mögen Siezen, Anzug und Krawatte in so klassisch-konservativen Branchen wie Bank- oder Versicherungswesen noch einen sehr langen Atem haben. Aber es bleibt festzuhalten: Vielerorts brechen verkrustete Strukturen auf und es zieht moderner, formloser Umgang ein.

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Bewerbung heute: Digital, anders – und doch wie früher

Die Digitalisierung lässt scheinbar keinen Stein auf dem anderen in der Arbeitswelt. Doch so sehr sich die Recruiting-Welt auch dreht: An den Grundpfeilern des Bewerbungsprozesses hat sich bis heute nicht viel geändert.

Gut. Es gibt Headhunter, die Arbeitnehmer abwerben. Und es gibt Firmen, die aktiv auf potenzielle Kandidaten zugehen. Im Fachkräftemangel sogar immer häufiger. Für die meisten Jobwechsler oder Berufsstarter gilt aber nach wie vor: Sie suchen ihrerseits. Die Jobbörsen müssen – wie einst die Stellenanzeigenteile der Zeitungen – erst mal nach Jobs durchforstet werden. Bewerbungen müssen geschrieben und Vorstellungsgespräche absolviert werden. Dabei ersetzt die Technik nicht die Arbeit für den Bewerber. Aber sie erleichtert sie und eröffnet neue Möglichkeiten.

Heute kann jeder vielfältige Informations-Quellen anzapfen, der sich für den Job in einer ganz bestimmten Firma interessiert. Im Web und in den sozialen Netzwerken herrscht mehr „Glasnost“ als je zuvor. Das gründliche Surfen auf der Firmen-Homepage sollte daher nur der Einstieg zur Recherche sein. Denn ein Unternehmen produziert nicht nur. Es hat auch eine Firmenkultur. Und es hat Chefs und Mitarbeiter mit bestimmten Vorlieben – beruflich wie privat. Über Netzwerke wie Xing oder LinkedIn, ja vielleicht sogar Facebook, lassen sich oft Postings über das lesen, was die Protagonisten des Unternehmens bewegt. Außerdem kann gezielt und persönlich Kontakt aufgenommen werden. Echtes interesse und Insiderwissen ist schließlich ein starker Türöffner und ein prima Gesprächseinsteig beim Vorstellen.

Wie sieht es mit dem Lebenslauf und der Berufserfahrung aus? Da gelten heute immer noch die gleichen Regeln wie früher. Wer sich Punkte aus dem Anforderungsprofil nur zutraut, statt sie sicher zu beherrschen und Erfahrungen mitzubringen, wird an den Behaupteten gemessen werden und spätestens im Arbeitsalltag an den Aufgaben scheitern. Außerdem braucht sich ein Berufsanfänger mit einem Jahr Erfahrung nicht um eine Position mit Leitungsfunktion bemühen. Auch wenn manchen das Verzichten schwer fällt und Träume gern wie Bäume in den Himmel wachsen. Die tatsächlichen, persönlichen Kernkompetenzen herauszustellen – darauf kommt es an. Wer noch keine Fachkraft ist, wird auch vom Fachkräftemangel noch nicht profitieren.

Was in vielen Branchen nach wie vor unerlässlich ist, sind Arbeitsbeispiele, vor allem in Medien- oder Kreativberufen. Der Vorteil in der heutigen Online-Welt liegt darin, dass keine dicken Mappen mit zig Kopien mehr erstellt und per Post versendet werden müssen. Alles lässt sich auf Homepages oder Profilen hinterlegen. Aber Achtung: Wer Links zu seinen Arbeiten oder seiner Homepage mitschickt, muss alles top-gepflegt haben. Und vor allem: Es muss erreichbar sein. Ein Link in die Sackgasse ist ein Debakel im Digitalzeitalter.

Zu guter Letzt noch ein zwei Tipps. Erstens: Ein Bewerber sollte einen Probe-Arbeitstag anbieten, wenn er die Möglichkeit hat. Dabei wird der Arbeitgeber in spe keine perfekte Performance erwarten. Aber der Bewerber kann seine Fähigkeit unter Beweis stellen, sich in neue Aufgabenstellungen hineinzudenken. Zweitens: Immer Up-to-date bleiben, relevante Branchenmedien und Newsletter lesen, Messen besuchen. Sich mit Fachterminologien auseinandersetzen. Wenn möglich, Fortbildungen besuchen. Im Vorstellungsgespräch beim Thema „mitreden“ zu können statt ahnungslos zuzuhören kann alleine schon das Ticket zum Traumjob bedeuten.

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Gewogen und für zu leicht befunden

Chefs und Vorgesetzte in Deutschland sind schlechter als ihr Ruf. Weitaus schlechter. Das finden jedenfalls ihre Mitarbeiter, wie eine aktuelle Umfrage belegt.

Schön. Auch als Blogger wird man immer wieder von der Entwicklung eingeholt. Erst letzte Woche hatten wir das Thema, dass in vielen Unternehmen eine schlechte Feedback-Kultur herrscht und selbstherrliche Chefs sich nicht kritisieren lassen. Und diese Woche? Da wurde eine neue repräsentative Studie bekannt, die die Unfehlbaren auf dem Chefsessel als Fehlgeleitete in den Augen ihrer Mitarbeiter offenbarte. Wieder einmal.

Die Studie heißt „Emotionale Führung am Arbeitsplatz“. Sie wurde von der Personalberatung Rochus Mummert durchgeführt, die dafür 1.000 deutsche Arbeitnehmer befragte. Das Ergebnis: Es fehlt den Chefs an Fachkompetenz (man höre und staune!) sowie an Führungsqualität, Menschlichkeit und Motivations-Fähigkeit.

Kompetenz? Ganze 37 Prozent aller Angestellten attestierten ihren unmittelbaren Vorgesetzten, dass sie fachlich für den Job überhaupt geeignet seien. Nur 37 Prozent! Noch ein paar Prozent weniger aber bewerteten sie als charakterlich der Aufgabe gewachsen.

Entsprechend schlecht sieht es mit der Führungsqualität aus: Nur ein Drittel aller Mitarbeiter gaben zu Protokoll, dass ihre Führungskräfte ihre Leistungen anerkennen und bei Problemen ein zuverlässiger Ansprechpartner seien. Die weitaus meisten glaubten zudem, dass ihre Chefs sie beruflich nicht förderten. Und das, obwohl sich gut die Hälfte aller Arbeitnehmer eine Führungskraft wünscht, die sie nach ihren persönlichen Stärken fördert und coacht. Nur etwas über 20 Prozent fühlten sich von ihren Chefs auf diese Weise bestärkt.

Jedes vierte Unternehmen gleicht der Studie zufolge einem Kasernenhof, wenn es um Arbeitsanweisungen geht. Hier herrschen Befehl und Gehorsam! Wie beliebt solche Chefs sind, kann sich jeder denken. Dass die Arbeitsergebnisse entsprechend als „Dienst nach Vorschrift“ ausfallen, auch: die Mitarbeiter gehen kaum motiviert an die Arbeit und werden das Unternehmen wenig weiterentwickeln können.

Gerade wenn es um Veränderungen wie etwa die Einführung neuer Methoden geht, müssten die Vorgesetzten motivieren statt befehlen, fanden die Beschäftigten. Tatsächlich aber „fanden“ sie dies selten vor. Dreiviertel aller Mitarbeiter fühlten sich eher als „beordert“ denn gecoacht.

Und nun zum Kernthema der letzten Woche: die Kritikfähigkeit von Chefs. Die Studie fand folgendes heraus: Selbst in den Unternehmen, in denen sich die Angestellten prinzipiell gecoacht und gefördert fühlten, hielten nicht einmal ein Drittel ihren Chef für kritikfähig. Wie das zusammenpasst? Gar nicht. Chefs: durchgefallen.

Warum gibt es keine duale Berufsausbildung mit abschließender IHK-Prüfung „Führungskraft“? Wer nicht besteht, muss nachsitzen.

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