Monthly Archives: Februar 2018

Home-Office am Hindu-Tempel

Wenn Mitarbeiter zu Digitalnomaden werden und in die Ferne ziehen, muss dies für ihre Arbeitgeber keinen Verlust bedeuten. Im Gegenteil.

Von Jens Kügler

H. hat werktags jeweils zwei Termine. Wenn über Denpasar auf Bali die Morgensonne aufgeht, steht sie auf, um die abendlichen E-Mails ihrer Kunden aus Deutschland zu beantworten. Abends führt sie die „Früh-Korrespondenz“ mit Europa oder klinkt sich in Skype-Konferenzen ein. In der Zwischenzeit schläft das „Abendland“ – und H. hat den ganzen Tag lang Zeit und Ruhe, ihre Arbeit zu erledigen.

Keiner ruft an. Nichts lenkt sie ab. Sie kann sich voll auf ihr Business konzentrieren. Im Schatten irgendeiner Palme? Oder im Café unterm rotierenden Ventilator? Nein – nicht ganz so romantisch. Meistens erledigt sie ihre Arbeiten vom klimatisierten Zuhause aus, wo sie auf einem bequemen Bürostuhl sitzt – und relaxt auf einen hinduistischen Haustempel nebenan blickt. Pause macht sie, wann immer sie möchte.

Manchmal vergleicht sie die Tropeninsel mit ihrer Heimatstadt Stuttgart. Und die schneidet dabei nicht gut ab. Stundenlang hat sie dort schon nach WLAN-Cafés und Hotspots gesucht – oft vergeblich. Und häufig gab es den Internetzugang nur gegen Bezahlung. Da sind die gelegentlichen Stromausfälle auf Bali weniger hinderlich bei der Arbeit, sagt sie.

Was H. tagsüber erledigt? Zum großen Teil die klassischen Backoffice-Tätigkeiten für ihren früheren Arbeitgeber, eine Stuttgarter Wirtschafts-Rechtsanwaltskanzlei. Sie führt Korrespondenz, beantwortet Klienten-Anfragen, schreibt Angebote, verschickt PDF-Abrechnungen und erstellt Content für die Website sowie für einschlägige Online-Magazine: juristische Fachbeiträge.

All dies hat H. bis vor zwei Jahren im Büro der Kanzlei in Stuttgart getan. Bis ein Ostasien-Trip das eingefahrene Leben der Enddreißigerin veränderte. Sie kehrte nur noch heim, um zu kündigen. Nahm ihre Ersparnisse mit. Zog auf die Insel. Machte sich selbstständig – in einem mühevollen Start als Bloggerin und mit Marketing auf Social Media. Schließlich unterbreitete sie ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der sie ungern hatte ziehen lassen, ein Angebot. Heute arbeitet sie wieder für ihn – als Freelancerin. 20.000 Kilometer entfernt – aber nicht im Entferntesten weniger fachkompetent.

Im Gegenteil: Ihr einstiger Arbeitgeber profitiert vom Know-how und den internationalen Kontakten, die H. inzwischen geknüpft hat. In seinem Auftrag betreut sie Kunden, die Geschäfte mit Partnern in Indonesien, Australien oder Singapur zu erledigen haben. Sie hat sich in die Rechtssysteme dieser Länder eingearbeitet und kann deutsche Klienten bei der Expansion dorthin beraten. Und umgekehrt. Mit diesem Geschäftszweig betreut sie die Kunden inzwischen auch auf eigene Rechnung.

Wie gesagt: H’s Arbeitgeber wollte seine damalige Angestellte nicht ziehen lassen. Heute ist er froh über ihre Entscheidung. Mein Aufruf an deutsche Unternehmer lautet: Wenn eure Mitarbeiter das Fernweh packt, lasst sie ziehen – wenn möglich. Wer in seinem Leben etwas verändern will, ist garantiert motivierter, wenn er es kann. Dafür ist H. nicht das einzige Beispiel.

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Frauen gründen anders. Warum?

Ganz einfach: Weil Männer und Frauen eben nicht gleich sind und unterschiedlich „ticken“. Diese Wesensunterschiede bestimmen auch das Unternehmer-Dasein. Sie wirken sich sogar auf den Erfolg aus. Und zwar durchaus positiv – für die immer noch viel zu wenigen Gründerinnen.

Von Jens Kügler

Früher hier es, Autofahren sei nichts für Frauen. Um einmal – ein letztes Mal, versprochen! – den männlichen Chauvinismus zu bemühen: Über das mit dem Einparken kann man diskutieren. Dass Frauen weniger Unfälle bauen, ist dagegen statistisch erwiesen. Das Fürstenfeldbrucker Autokennzeichen „FFB“ wird im benachbarten München bisweilen interpretiert als „Frauen Fahren Besser“. Und das mit Sicherheit nicht nur aus Spaß und Spott der Großstädter für die männlichen Fahrer vom Lande.

Ist Chef sein auch „nichts für Frauen“? Man könnte es meinen – eingedenk der Tatsache, dass immer noch weitaus weniger Frauen unternehmen gründen als Männer. Und vor allem gibt es ja nur eine marginale Anzahl an weiblichen Führungskräften in den oberen Etagen der Großunternehmen.

Aber eine Parallele besteht doch zum Autofahren: Von Frauen gegründete Unternehmen halten sich länger am Markt. Das heißt: Rein statistisch betrachtet sind sie erfolgreicher. Warum dies so ist? Ihre Meinung darüber erläutert die Unternehmensberaterin Jana Jabs auf einem Artikel für die Plattform Franchiseportal. Frauen brauchen länger, um sich zu entscheiden. Sie treffen keine „einsamen Entscheidungen“, wie es Männer häufig tun, und gehen nicht mit dem Kopf durch die Wand. Sie führen im Vorfeld mehr Gespräche, vernetzten sich, holen Meinungen ein. Einerseits haben sie stärkere Selbstzweifel und sind vorsichtiger. Sie wägen ab, scheuen Risiken. Aber: Wenn sie sich einmal entschieden haben, zu gründen, planen sie bescheidener – aber dafür realistischer.

Männer suchen den Erfolg. Sie wollen Chef sein, um zu bestimmen und sich selbst zu verwirklichen. Die Bäume wachsen dabei allzu oft in den Himmel. Frauen gründen häufig, weil sie keine adäquaten Stellen und Gehälter bekommen. Oder weil sie schlicht und ergreifend ihre Existenz sichern wollen. Immer noch gilt ja, dass Frauen durchschnittlich über 20 Prozent weniger Gehalt für dieselbe Arbeit erhalten als Männer. Ein anderer Beweggrund ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele Gründerinnen betreiben ihr Geschäft zunächst in Teilzeit und sind somit flexibler als im Angestelltendasein.

Was gründen Frauen? Welche Art von Unternehmen? Auffallend häufig handelt es sich um Firmen, deren Geschäftszweck aus ihrer Lebensrealität entspringt. Sei es der Onlineshop für Kinderkleidung, der Mode-Shoppingclub, das mobile Kosmetikstudio, das vegane Café oder der Deko- oder Geschenkartikel-Handel. Klingt nach Klischee? Ja, absolut. Aber der Prozentsatz an männlichen Gründern ist in diesen Bereichen ebenso gering wie jener der Frauen unter den Autohändlern, Bau- oder Handwerksunternehmern. Nur in einigen Branchen mit hoher Sozialkompetenz wie Personalentwicklung oder Unternehmensberatung ist der Anteil beider Geschlechter in etwa gleich.

Fahren Frauen nicht nur besser –, sondern führen sie auch besser? Möglicherweise – angesichts der Tatsache, dass sie ihre Unternehmen seltener vor die Wand fahren. Wie viele mögliche Gründungen (und Gründerinnen) aber an Selbstzweifeln scheitern und wie viele Arbeitsplätze dadurch NICHT entstehen, lässt sich kaum ermessen. Mehr gründungs-mutige Frauen brächten der Volkswirtschaft aber ganz sicher Vorteile. Vielleicht sollte sich die Politik einmal des Gründerinnen-Klimas annehmen und für mehr Impulse sorgen.

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