Monthly Archives: November 2018

Wofür hätten Sie gern mehr Zeit?

diese Frage steht über einem Video auf den Internetseiten des Bundesarbeitsministeriums. Interviewte Passanten geben Antworten. Es geht darum, wie sie ihr Leben gern gestalten würden – oder sogar dringend müssten. Der Anlass: Der Bundestag hat das Gesetz zur Brückenteilzeit beschlossen.

Von Jens Kügler

„Arbeitszeit ist Lebenszeit. Man bekommt sie nicht auf ein anderes Konto überwiesen“, so lautet die Zusammenfassung einer interviewten Frau in obigem Video. Mit der neuen Regelung zur Brückenteilzeit soll offensichtlich Zeit geschenkt werden, die bisher vielen Menschen verloren ging. Lebenszeit.

Ab 2019 können Arbeitnehmer in Deutschland ihre Arbeitszeit vorübergehend individuell auf Teilzeit reduzieren – und sie nach einer Phase von bis zu fünf Jahren wieder auf Vollzeit aufstocken. Dies garantiert ihnen der Gesetzgeber. Gedacht ist das Gesetz vor allem für Mütter. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit häufig nach der Geburt und landeten bisher danach in er sogenannten „Teilzeitfalle“. Das heißt, ihre Arbeitgeber boten ihnen nicht die Möglichkeit, wieder in Vollzeit zu wechseln. Oder, wie es der Arbeitsminister selbst ausdrückte, die Arbeit wieder dem Leben anzupassen.

Fast 80 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Teilzeit-Jobs werden von Frauen ausgeübt, ein Großteil von Müttern. Sie senken damit ihren Rentenanspruch und erhöhen ihre „Chance“ auf Altersarmut. Ein „gutes Gesetz“ also, wenn sich ab jetzt alles ändert.

Es ändert sich aber nicht alles – und für jeden. Es gelten nämlich Einschränkungen. Erstens können nur Angestellte von Betrieben mit mehr als 45 Arbeitnehmern die Brückenteilzeit in Anspruch nehmen. Zweitens: In Unternehmen von 46 bis 200 Mitarbeitern muss der Arbeitgeber nur einem von 15 Mitarbeitern die Brückenteilzeit gewähren. Außerdem können dringende betriebliche Gründe ein Aufstocken auf Vollzeit verhindern.

Will heißen: Für einen Großteil aller Arbeitnehmer-Innen gilt der gesetzliche Anspruch nicht. Von bestimmten Seiten der Politik wird das Gesetz daher als unzureichend kritisiert. Und Kritik kommt auch von den Arbeitgeberverbänden. Sie befürchten, das Gesetz würde für zu viel bürokratische Mehrbelastungen sorgen. Aber hört man Klagen wie diese nicht immer von Arbeitgeberverbänden?

Fast auf den Tag genau vor 100 Jahren, Mitte November 1918, kam es zum sogenannten Stinnes-Legien-Abkommen. Erstmals in der deutschen Geschichte hatten sich Arbeitgeberverbände mit Gewerkschaften auf Lohnvereinbarungen und Arbeitnehmervertretungen geeinigt. Warum? Weil Revolution herrschte, die Macht kurzfristig bei Arbeiterräten lag und die Großunternehmen um ihre Existenz fürchteten. Hat das Abkommen der Wirtschaft geschadet? Nicht wirklich, im Gegenteil. Soziale Sicherheit ist ein wichtiger Standortvorteil.

Mit dem neuen Gesetz wird die Bürokratie ganz sicher nicht überborden und die Wirtschaft nicht ernsthaft belastet werden. Dafür dürfen immerhin ein Teil aller Mütter zukünftig der Teilzeitfalle ausweichen. Gut für jede Einzelne und ihre Familie.

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Das Gebot der Zeit heißt Freiheit

Knebeln? Das war gestern. Wer heute seine Mitarbeiter halten und neue gewinnen will, muss ihnen Wertschätzung entgegenbringen – und mehr denn je Luft zum Atmen bieten. In Sachen Arbeitszeit.

Von Jens Kügler

Schön, wenn Mitarbeiter unentbehrlich sind. Und zwar gleich so unendlich unentbehrlich, dass sie genau deswegen unermesslich schuften dürfen. Meine Bekannte B. hat sich krankschreiben lassen müssen, weil sie völlig erschöpft war. Erschöpft nach zwei Wochen fast ununterbrochener Früh- und Nachtschichten im pausenlosen Wechsel – und nachdem ihr ihre Schichtleiterin gleich noch einmal elf Tage ohne einen Tag Pause aufbrummte. Und … weil die Auseinandersetzungen mit der Schichtleiterin an B’s Psyche nicht spurlos vorübergehen.

Die Folgen? Die Schichtleiterin verliert B’s Arbeitskraft. Nicht nur jetzt, wegen der Krankheit, sondern grundsätzlich. Denn B. hat im Kopf längst gekündigt. Sie wird es angesichts des Fachkräftemangels in ihrem sozialen Beruf nicht schwer haben, eine neue Stelle zu finden. Größer werden die Probleme der Schichtleiterin sein, Ersatz für R. zu rekrutieren und einzuarbeiten. Das hat sie nun von ihrer „Planung“.

Kaum erzählte mir B. ihre Geschichte, da flatterte eine Pressemitteilung eines Catering-Verbandes in meine Mailbox. Der Verband – wohlgemerkt: ein Arbeitgeberverband – verlangt vom Gesetzgeber flexiblere Arbeitszeiten für seine Mitarbeiter. Früher identifizierte man Unternehmen aus dem Bereich Groß-Gastronomie oder Event-Catering nicht eben mit Arbeiterparadiesen. Aber dieser Verband hat offensichtlich Sensibilität dafür entwickelt, wie man sich die Loyalität seiner Mitarbeiter in der „Arbeitswelt 4.0“ sichert, wie er sie in seiner Mitteilung wörtlich nennt.

Die gesetzliche Höchstarbeitszeit von acht oder bis zu zehn Stunden täglich hält der Verband für starr und nicht mehr zeitgemäß. Die moderne Lebenswirklichkeit setzt neue Maßstäbe. Das Arbeitszeitgesetz soll keine tägliche, sondern eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festlegen, fordern die Branchenvertreter. Und dabei gehe es ihnen explizit nicht um längere, sondern flexiblere Arbeitszeiten. Für andere Branchen gebe es dies bereits. Und die Europäische Arbeitszeitrichtlinie sehe sie vor, wie die Pressemitteilung weiter ausführt.

Die Rede ist ferner von Mindest-Ruhezeiten, Gesundheitsschutz und Jugendschutz. Jeder Mitarbeiter soll selbst entscheiden können, an wie vielen Tagen er wie viel arbeitet. So kann jeder sein Leben nach seinem Bedarf an Freizeit und seinen individuellen Wünschen anpassen.

Geht doch, liebe Schichtleiterin: Ein bisschen mehr Lebenswirklichkeit in die Arbeitsplanung, bitte!

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