Das Gebot der Zeit heißt Freiheit

Knebeln? Das war gestern. Wer heute seine Mitarbeiter halten und neue gewinnen will, muss ihnen Wertschätzung entgegenbringen – und mehr denn je Luft zum Atmen bieten. In Sachen Arbeitszeit.

Von Jens Kügler

Schön, wenn Mitarbeiter unentbehrlich sind. Und zwar gleich so unendlich unentbehrlich, dass sie genau deswegen unermesslich schuften dürfen. Meine Bekannte B. hat sich krankschreiben lassen müssen, weil sie völlig erschöpft war. Erschöpft nach zwei Wochen fast ununterbrochener Früh- und Nachtschichten im pausenlosen Wechsel – und nachdem ihr ihre Schichtleiterin gleich noch einmal elf Tage ohne einen Tag Pause aufbrummte. Und … weil die Auseinandersetzungen mit der Schichtleiterin an B’s Psyche nicht spurlos vorübergehen.

Die Folgen? Die Schichtleiterin verliert B’s Arbeitskraft. Nicht nur jetzt, wegen der Krankheit, sondern grundsätzlich. Denn B. hat im Kopf längst gekündigt. Sie wird es angesichts des Fachkräftemangels in ihrem sozialen Beruf nicht schwer haben, eine neue Stelle zu finden. Größer werden die Probleme der Schichtleiterin sein, Ersatz für R. zu rekrutieren und einzuarbeiten. Das hat sie nun von ihrer „Planung“.

Kaum erzählte mir B. ihre Geschichte, da flatterte eine Pressemitteilung eines Catering-Verbandes in meine Mailbox. Der Verband – wohlgemerkt: ein Arbeitgeberverband – verlangt vom Gesetzgeber flexiblere Arbeitszeiten für seine Mitarbeiter. Früher identifizierte man Unternehmen aus dem Bereich Groß-Gastronomie oder Event-Catering nicht eben mit Arbeiterparadiesen. Aber dieser Verband hat offensichtlich Sensibilität dafür entwickelt, wie man sich die Loyalität seiner Mitarbeiter in der „Arbeitswelt 4.0“ sichert, wie er sie in seiner Mitteilung wörtlich nennt.

Die gesetzliche Höchstarbeitszeit von acht oder bis zu zehn Stunden täglich hält der Verband für starr und nicht mehr zeitgemäß. Die moderne Lebenswirklichkeit setzt neue Maßstäbe. Das Arbeitszeitgesetz soll keine tägliche, sondern eine wöchentliche Höchstarbeitszeit festlegen, fordern die Branchenvertreter. Und dabei gehe es ihnen explizit nicht um längere, sondern flexiblere Arbeitszeiten. Für andere Branchen gebe es dies bereits. Und die Europäische Arbeitszeitrichtlinie sehe sie vor, wie die Pressemitteilung weiter ausführt.

Die Rede ist ferner von Mindest-Ruhezeiten, Gesundheitsschutz und Jugendschutz. Jeder Mitarbeiter soll selbst entscheiden können, an wie vielen Tagen er wie viel arbeitet. So kann jeder sein Leben nach seinem Bedarf an Freizeit und seinen individuellen Wünschen anpassen.

Geht doch, liebe Schichtleiterin: Ein bisschen mehr Lebenswirklichkeit in die Arbeitsplanung, bitte!

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