Fachkräftemangel – selbst produziert

Deutsche Unternehmen schlagen Alarm und suchen händeringend Fachkräfte. Und dann klagen viele: Hilfe, wir finden keine Azubis mehr! Umso erstaunlicher, wie schlampig manche Arbeitgeber mit ihren Bewerbern umgehen!

Von Jens Kügler

Trotz Fachkräftemangels pflegen viele Unternehmer und Personaler einen respektlosen Umgang mit Nachwuchskräften. Das ergab eine Umfrage unter 950 Bewerbern und Azubis, durchgeführt von U-form, einem Anbieter von Eignungstests. Die Kernfrage lautete: „Was hat euch am meisten geärgert?“. Die häufigste Antwort hieß: Quälend lange Wartezeiten auf eine Rückmeldung. Oder das völlige Ausbleiben jedweder Nachricht!

Werden sie angenommen oder kommen sie zumindest in die engere Wahl? Darüber erhalten Bewerber oft wochenlang, ja monatelang keine Nachricht, teilweise auch nicht mal auf Nachfrage. Und es sind gar nicht wenige, die dies bemängeln: Laut U-form über 300, also gut ein Drittel der Befragten. Was störte die Bewerber weiterhin?

Die Mängelliste beginnt bei schlecht strukturierten und umständlich auszufüllenden Online-Bewerbungs-Möglichkeiten. Manche Unternehmen machen es möglichen Arbeitnehmern offenbar schwer, einen guten Eindruck bei ihnen zu hinterlassen. Kommt es zum Absage-Brief oder doch zur Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, sind oft die Namen falsch geschrieben, die Anrede „Frau“ oder „Herr“ wird verwechselt (was durchaus beleidigend sein kann), oder es sind lauter Rechtschreibfehler im Anschreiben.

Manche Unternehmen wollten nur Bewerber aus ihrer Stadt annehmen. Wohl, weil sie befürchteten, der ortsfremde Azubi könnte nach seiner Ausbildung in einem Betrieb in seiner Stadt abwandern. Außerdem fühlten sich ostdeutsche Bewerber bei westdeutschen Unternehmen immer noch benachteiligt und abgelehnt. Fast 30 Jahre nach der Wende!

Warum sie ansonsten abgelehnt wurden? Das würden fast alle gern wissen. Doch sie erfahren es höchst selten. Dabei benötigen doch gerade die Schulabgänger Hinweise, die ihnen sagen, was sie noch nachzuholen und zu verbessern haben. Ihre Gegenüber bei den Vorstellungsgesprächen nahmen viele der jungen Menschen als arrogant oder desinteressiert wahr – oder gleich beides. Apropos Jugend: Manch 16- oder 17-Jährigem scheinen die Bosse und Personaler die grundsätzliche Befähigung abzusprechen, schon arbeiten zu können. „Zu wenig Berufserfahrung“ heißt es manchmal auch bei Absagen. Wie kann ein 19-Jähriger auch 25 Jahre Berufserfahrung mitbringen!? Und fängt ein Bewerber mit 30 eine Lehre an – etwa als Quereinsteiger – hält man ihn für zu alt zum Lehrling.

Frauen werden oft nach Kinderwunsch gefragt und empfinden dies zu Recht als Einmischung in ihre Privatangelegenheiten. Männer hören in vielen Berufszweigen Aussagen wie: „Wir wollen lieber eine Frau“. Und umgekehrt natürlich. „Sie sind überqualifiziert“ ist eine weitere häufige Frechheit an Aussage. Warum soll sich jemand mit Einser-Abitur – statt zu studieren – nicht dort bewerben wollen, wo theoretisch mittlere Reife reicht!

Und dann wären da noch die Äußerlichkeiten. Ein Tattoo, ein Piercing, nicht angemessene Kleidung – so was führt oft zu der Frage: „Haben Sie vor, so in unser Unternehmen zu kommen?“. Manche Bewerber fühlten sich in Fünf-Minuten-Gesprächen abgefertigt, andere saßen zehn oder 15 meist schweigenden Beobachtern gegenüber und fühlten sich natürlich unwohl. Manche mussten erfahren, dass ihre Stelle intern besetzt worden sei und bekamen das Gefühl, nur aus Alibi-Gründen eingeladen worden zu sein (die Stelle „musste“ wohl offiziell ausgeschrieben werden). Und zu guter Letzt: Manchen Bewerbern wurde die Pistole auf die Brust gesetzt („entscheiden Sie sich jetzt“), sodass sie gar nicht die Chance hatten, auf eine Zusage woanders warten zu können. Was die Recruiter vergessen? Die Generation Y bedient sich Blogs und Foren und bewertet Unternehmen dort. Vielen Bewerteten kann man nur zurufen: Adieu, Arbeitgebermarke!

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