„Hier ist besetzt“

Wenn wir uns in der Öffentlichkeit bewegen, tragen wir allzu oft das „Bitte nicht stören“-Gesicht. Doch mit Charme und kleinen Gesten lässt sich das Eis ganz leicht brechen.

Sie kennen die Situation: Jemand setzt sich ungefragt zu Ihnen und stört Ihre Intimsphäre. Sie möchten lieber alleine am Tisch sitzen und in Ruhe lesen oder arbeiten, und plötzlich rückt Ihnen dieser Kerl einfach auf die Pelle. Oder Sie selbst finden keinen Platz im Café und warten, bis ein Tisch frei wird, obwohl fast überall ein paar Stühle frei sind. Sie wollen ja schließlich nicht stören.

Es erscheint uns typisch deutsch, ist es aber nicht. Die Firma Nescafé drehte einen Werbespot mit versteckten Kameras in einer Bibliothek in Mailand, Italien. Bei dem Spot handelt es sich um gutes Storytelling, vor allem aber um eine kleine Sozialstudie. Sie zeigt, dass es auch dort nicht reicht, unaufgefordert am Tisch Platz zu nehmen und einfach nur „ciao“ zu sagen: Die Leute ärgern sich und wenden sich ab. Bringen die Probanden jedoch eine frische, duftend-heiße Tasse Kaffee mit, erhellen sich die Minen und es beginnen sofort freundliche Gespräche. Zu den erfolgreichen Kontaktanbahnungen trägt sicher die Tatsache bei, dass die Marke Nescafé im Land von Espresso und Cappuccino ein erstaunlich gutes Image hat. Das Wesentliche aber sind die Geste und der Überraschungseffekt.

Wer einmal einen positiven Kulturschock in Sachen Kontaktfreude und Offenheit erleben will, muss nach Irland reisen. Dort bleibt niemand, wirklich niemand auch nur drei Minuten allein an einer Bar oder an einem Tisch sitzen. Wer allein ist, zu dem setzt sich grundsätzlich jemand dazu und spricht ihn an. Meine erstaunlichsten Erlebnisse waren folgende: In einem Selbstbedienungs-Café in Dublin setzte ich mich wie gewohnt mit meinem Tablett an einen freien Tisch. Und obwohl die Hälfte aller Tische rundherum frei war, setzte sich das junge Pärchen, das gleich nach mir kam, ohne zu überlegen zu mir. Weil ich allein ja da saß – was quasi verpönt ist. In Cork las ich Zeitung in einer Bar. Der Wirt wusste, dass ich Deutscher war. Er konnte es partout nicht verstehen, warum ich mich nicht zu einer deutschen Reisegruppe drüben in die Lounge setzen wollte. Er bat die Gruppe schließlich, mich nicht so einsam dasitzen zu lassen. Es wurde ein lustiger Abend …

Dieser Habitus der Inselbewohner ist natürlich nicht unverändert auf den Kontinent übertragbar, denn dazu fehlt hier die Offenheit des Gegenüber. In Deutschland wie Italien muss subtiler vorgehen, wer Kontakte aufbauen möchte. „Eine nette Geste, ein paar positive Worte und vor allem ein Lächeln sind Türöffner zu den Menschen“, weiß Ute Hagen. „Diese positiven Signale bauen Stress bei Sender und Empfänger ab. Deswegen sind sie gerade im oftmals hektischen Arbeitsleben sehr wichtig für den Umgang miteinander“.

Was im Unternehmen gilt, zählt auch in der Freizeit und erst recht auf Reisen, wenn räumliche Enge herrscht. Denn wer weiß: schließlich kann der Nebenmann in der Bahn oder im Flugzeug ein zukünftiger Kunde oder Arbeitgeber sein. „Wir Menschen sind doch eigentlich soziale Wesen. Aber wir lassen uns von Hektik, Termindruck und Alltagsstress allzu oft zu Muffeln machen“, so Ute Hagen, lächelnd …

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