Home-Office am Hindu-Tempel

Wenn Mitarbeiter zu Digitalnomaden werden und in die Ferne ziehen, muss dies für ihre Arbeitgeber keinen Verlust bedeuten. Im Gegenteil.

Von Jens Kügler

H. hat werktags jeweils zwei Termine. Wenn über Denpasar auf Bali die Morgensonne aufgeht, steht sie auf, um die abendlichen E-Mails ihrer Kunden aus Deutschland zu beantworten. Abends führt sie die „Früh-Korrespondenz“ mit Europa oder klinkt sich in Skype-Konferenzen ein. In der Zwischenzeit schläft das „Abendland“ – und H. hat den ganzen Tag lang Zeit und Ruhe, ihre Arbeit zu erledigen.

Keiner ruft an. Nichts lenkt sie ab. Sie kann sich voll auf ihr Business konzentrieren. Im Schatten irgendeiner Palme? Oder im Café unterm rotierenden Ventilator? Nein – nicht ganz so romantisch. Meistens erledigt sie ihre Arbeiten vom klimatisierten Zuhause aus, wo sie auf einem bequemen Bürostuhl sitzt – und relaxt auf einen hinduistischen Haustempel nebenan blickt. Pause macht sie, wann immer sie möchte.

Manchmal vergleicht sie die Tropeninsel mit ihrer Heimatstadt Stuttgart. Und die schneidet dabei nicht gut ab. Stundenlang hat sie dort schon nach WLAN-Cafés und Hotspots gesucht – oft vergeblich. Und häufig gab es den Internetzugang nur gegen Bezahlung. Da sind die gelegentlichen Stromausfälle auf Bali weniger hinderlich bei der Arbeit, sagt sie.

Was H. tagsüber erledigt? Zum großen Teil die klassischen Backoffice-Tätigkeiten für ihren früheren Arbeitgeber, eine Stuttgarter Wirtschafts-Rechtsanwaltskanzlei. Sie führt Korrespondenz, beantwortet Klienten-Anfragen, schreibt Angebote, verschickt PDF-Abrechnungen und erstellt Content für die Website sowie für einschlägige Online-Magazine: juristische Fachbeiträge.

All dies hat H. bis vor zwei Jahren im Büro der Kanzlei in Stuttgart getan. Bis ein Ostasien-Trip das eingefahrene Leben der Enddreißigerin veränderte. Sie kehrte nur noch heim, um zu kündigen. Nahm ihre Ersparnisse mit. Zog auf die Insel. Machte sich selbstständig – in einem mühevollen Start als Bloggerin und mit Marketing auf Social Media. Schließlich unterbreitete sie ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der sie ungern hatte ziehen lassen, ein Angebot. Heute arbeitet sie wieder für ihn – als Freelancerin. 20.000 Kilometer entfernt – aber nicht im Entferntesten weniger fachkompetent.

Im Gegenteil: Ihr einstiger Arbeitgeber profitiert vom Know-how und den internationalen Kontakten, die H. inzwischen geknüpft hat. In seinem Auftrag betreut sie Kunden, die Geschäfte mit Partnern in Indonesien, Australien oder Singapur zu erledigen haben. Sie hat sich in die Rechtssysteme dieser Länder eingearbeitet und kann deutsche Klienten bei der Expansion dorthin beraten. Und umgekehrt. Mit diesem Geschäftszweig betreut sie die Kunden inzwischen auch auf eigene Rechnung.

Wie gesagt: H’s Arbeitgeber wollte seine damalige Angestellte nicht ziehen lassen. Heute ist er froh über ihre Entscheidung. Mein Aufruf an deutsche Unternehmer lautet: Wenn eure Mitarbeiter das Fernweh packt, lasst sie ziehen – wenn möglich. Wer in seinem Leben etwas verändern will, ist garantiert motivierter, wenn er es kann. Dafür ist H. nicht das einzige Beispiel.

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