Land der Beflissenen. Land der Befristeten?

Mehr als die Hälfte aller jungen deutschen Arbeitnehmer hat lediglich Zeitverträge und keine langfristige Jobsicherheit. Klingt nach Perspektivlosigkeit im Wirtschaftswunderland. Doch die Statistik scheint einen Haken zu haben. Alles halb so schlimm mit der „Hälfte“?

Von Jens Kügler

Der Konjunkturmotor brummt. Deutschland verzeichnet die höchste Beschäftigtenrate denn je und die niedrigste Arbeitslosigkeit seit der Zeit nach der Wiedervereinigung. Und doch sorgten die jüngsten Arbeitsmarktdaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für einen gewissen Wirbel. Sie veranlassten einige Medien wie das Portal karriere.de zu Beiträgen, die zu alarmieren schienen. Auf den ersten Blick jedenfalls. Denn – Trick geglückt – die Schlag- und Betreffzeilen zu diesen Beiträgen animierten den Newsletter-Empfänger zum Öffnen und Weiterlesen. Da relativierte sich manches Alarmierende, teilweise …

Der erste Blick: Über 50 % aller Deutschen bis 24 Jahren habe keinen unbefristeten Job, so wird die Studie der OECD zitiert. Nur in den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Portugal sei der Prozentsatz höher. Verwiesen wird auch auf eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes, derzufolge die grundsätzlich positive Arbeitsmarktlage für die Jugendlichen nicht zuträfe. Unter ihnen sei die Stimmung entsprechend schlecht. In diesem Zusammenhang ist die Rede vom „Hangeln von einem befristeten Arbeitsvertrag zum nächsten“.

Doch wer weiterliest, erhält auch Aufklärung über diese erstaunlich negativ erscheinenden Zahlen und Aussagen. Als Grund wird das duale Ausbildungssystem in Deutschland angeführt, was zunächst einmal erstaunt: Gilt doch gerade dieses System als weltweit vorbildlich mit seiner Mischung aus Berufsschule und betrieblicher Ausbildung. Wo liegt nun der Haken an Statistik und Lamenti?

Da es weltweit nichts Vergleichbares zum dualen Ausbildungssystem gäbe, würden internationale Erhebungen deutsche Ausbildungsverhältnisse oft mit befristeten Verträgen gleichsetzen, schreiben die Kollegen. Ausbildungsverhältnisse sind in Deutschland jedoch naturgemäß vertraglich befristet. Somit schade der deutschen Wirtschaft auf dem Papier, was in Wirklichkeit gut für sie sei. Zu anderen Ergebnissen komme das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), eine Forschungseinrichtung der Agentur für Arbeit. Laut ihres Forschungsberichtes sei ohne die Azubis nur noch 7,4 % der Gesamtheit aller deutschen Arbeitnehmer ab dem Alter von 15 Jahren befristet beschäftigt. Genauer betrachtet seien es rund 21 % bei den 15- bis 24-Jährigen, 12,4 % bei den 25- bis 34-Jährigen und nur noch 6,9 % bei den bis zu 44-Jährigen.

Also alles halb so schlimm? Da sieht sicher nicht so, wer um einen unbefristeten Arbeitsvertrag kämpft (wer sich also „hangelt“). Vor allem aber sehen es die Gewerkschaften und jene Parteien nicht so, die sich auf die Fahnen geschrieben haben, Arbeitnehmervertreter zu sein. Doch andererseits – auch das muss so sein. Denn diese Verbände und Institutionen kämpfen für unbefristete Arbeitsverträge und für Übernahmesicherheiten nach der Ausbildung. Erst ihr Kampf sichert vielen Arbeitnehmern ein Einkommen und eine Zukunft. Außerdem garantiert er dem Land sozialen Frieden und der Wirtschaft Stabilität.

Jede Medaille hat zwei Seiten. Und wer dieses „duale System“ bedenkt, wer dieses Schwert als zweischneidig erkennt, sollte auch einmal über das schlechte Image der Zeitarbeit diskutieren. Positiv gesehen, erweitern häufige Arbeitsplatzwechsel den Wissens- und Erfahrungshorizont.

Empfehlen Sie diesen Beitrag:
FacebookTwitterGoogle+LinkedInXING