Macht des Lobes

Welches ist erwiesenermaßen die wirksamste Maßnahme, die Produktivität von Mitarbeitern zu steigern? Die Motivation durch ehrliche und anerkennende Worte. Doch genau das scheint schwieriger zu sein als jede technische oder organisatorische Veränderung im Betrieb. Denn offenbar kann kaum ein Chef richtig oder überhaupt loben.

Ein Jahr, nicht länger, zum Glück nicht länger habe ich in einer Werbeagentur gearbeitet, in der die einzige Anerkennung, die ich jemals erfuhr, die war, dass man mir überhaupt den Job gab. Mulmige Gefühle begleiteten mich stets auf Weg mit meinen Manuskripten zum Chef. Aber da ging es mir nicht anders als allen anderen Kollegen. Wenn man Glück hatte, zerriss er die Arbeit nicht vor den eigenen Augen ihres Verfassers oder Gestalters, sondern knurrte bestenfalls so etwas wie ein schlechtgelauntes und zweifelndes „Soso, das soll’s also sein. Naja … mal sehen, was der Kunde dazu sagt“. Dann der Tag meiner Kündigung. Und – halt, ich hatte unrecht: es gab eine zweite Anerkennung. Vom Chef persönlich, der bemerkte: „Aber es war doch gar nicht so schlecht hier bei uns! Wir waren doch zufrieden mit Ihnen…“. Ach ja?

Was will ich eigentlich: Mir geht es doch wie 75% aller Mitarbeiter überall. Nur jeder Vierte wird gelobt, las ich neulich wieder in einer Studie. Dabei ist Lob anerkanntermaßen der größte Anschub für Motivation und Produktivität. Und ihr Killer, wenn es ausbleibt, denn wir Menschen sind nun mal Narzissen. Doch meine ich damit jedes Lob? Nein. Das „Danke, gut gemacht. Wie immer“ eines späteren Unit-Leiters klang irgendwann nicht mehr so, als sei es ehrlich gemeint. Es klang unglaubwürdig, so, als stecke eine Taktik dahinter, die mich zu Ruhigstellung und Loyalität zwingen wolle.

Gegenbeispiele gefällig? Gerne. In einem Verlag leistete ich unaufgefordert, klaglos und motiviert eine Menge Überstunden, um zu helfen, ein neues Projekt zu stemmen. Im Gegensatz zu den Kollegen stellte ich mich zeitlich unbegrenzt zur Verfügung, und das auch, weil mir das Projekt zugegebenermaßen sehr viel Spaß bereitete. Der Spaß wurde gekrönt, als der Chef und die Projektleiterin mich und meine Freundin danach spontan zum Essen einluden. Und ich muss nicht erwähnen, dass es nicht zur Pizzabude ging. Doch konnte es noch ein größeres Lob, eine wirkungsvollere Motivation geben als dieses Essen? O ja. Nämlich jene, mich kurze Zeit später selbst ein vergleichbares Projekt leiten zu lassen. Das war Anerkennung durch Aufwertung.

Sind nur Spitzenleistungen zu loben? Nein, auch gut gemachte Routinejobs sollten von Zeit zu Zeit hervorgehoben werden, damit der Ansporn bleibt oder gesteigert wird. In einem weiteren Verlag bat mich eines Tages die Chefredakteurin in ihr Büro. Das musste nichts Gutes heißen. An diesem Tag aber überreichte sie mir völlig überraschend eine Sonderprämie – in bar! Sie sagte, man sei so zufrieden mit meiner Arbeit, dass ich mir diese Zusatzgratifikation zum bevorstehenden Feiertags-Wochenende verdient hätte. Und eine Gehaltserhöhung noch dazu.

Das Schönste daran für den Gelobten? Zum Anlass nahm sich die Chefin nicht eine einzelne, außergewöhnlich erfolgreiche Arbeit und ihre spontane Begeisterung darüber – obwohl so etwas, wie im Beispiel davor beschrieben, ungeheuer wichtig ist. Sondern sie belohnte die kontinuierliche Leistung. Das motivierte mich nachhaltiger als jedes Lob für eine Einzelarbeit, nach der alles Folgende jahrelang und unkommentiert als selbstverständlich hingenommen worden wäre. Und die fünf Minuten, die sie sich Zeit für das Gespräch in ihrem Büro genommen hat, bleiben mir bis heute, nach fünfzehn Jahren, unvergessen.

Es gibt noch genügend weitere gute Beispiele für motivierendes Lob, auch für indirekt geäußertes. Etwa, wenn der Chef den Mitarbeiter um Rat fragt oder ihn spüren lässt, auf seine Meinung Wert zu legen. Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele wie jenes der berüchtigten Sandwich-Methode, bei der Positives oft nur gesagt wird, um zwischen den Lob-Refrains die Strophen der Kritik zu verpacken.

Aber wie, wenn nicht durch gelegentliches, gut dosiertes und vor allem ehrliches Lob, soll denn ein Mitarbeiter seinen Stellenwert beim Chef einordnen? Wie soll er wissen, wie wichtig „denen da oben“ sein Beitrag, seine Stärken oder auch seine Geduld und Beharrlichkeit für das Unternehmen und seine Erfolge sind? Woher soll er sein „Selbstwertgefühl am Arbeitsplatz“ tränken oder mögliche Versagensängste besiegen?

Was für Chefs und ihre Mitarbeiter gilt, lässt sich übrigens auch auf das Verhältnis zwischen Kunden und Lieferanten übertragen. Neulich rettete mir das ausgesprochene Lob einer Kundin ein ansonsten durch privates Pech fast vollkommen verhunztes Wochenende. Auch da weiß ich – als heute Selbstständiger –, wovon ich rede.

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