Muss jeder plötzlich „Chief“ sein?

In deutschen Stellenbeschreibungen greifen Anglizismen um sich. Für manche Unternehmen mag dies vorteilhaft sein und für manche Angestellte aufwertend klingen. Anderenorts führt es zunehmend zur Verwirrung und schießt oft am Ziel vorbei.

Von Jens Kügler

„Guten Tag, ich bin der neue Chief Financial Officer!“. Ich stelle mir vor, wie sich Hansi Müller – stolz wie Oskar – in der Buchhaltung vorstellt. Bei Leuten, die jetzt „Assistant“ heißen – und nicht mehr Sachbearbeiter. Geschäftsführer Finanzen? Das war gestern. Unternehmen pflegen, ihre Berufsbezeichnungen aufzuwerten, wie sie glauben. Was anhand unbeliebter Berufe wie „Versicherungskaufmann“ sogar verständlich erscheint. Tatsächlich aber folgen sie einem teilweise peinlichen Anglizismus-Trend, wie er sich im Deutschen immer weiter ausbreitet. Bisweilen nehmen die Stellenbezeichnungen alberne Formen an. Oft sind sie für Bewerber kaum bis gar nicht verständlich.

Wenn ich meinen Hausmeister, Slobodan K., einen freundlichen, deutsch radebrechenden älteren Herren serbischer Herkunft, fragen würde, ob er sich als „Facility Manager“ wichtiger fühlte, würde er sicherlich mit dem Kopf schütteln und mich mit fragenden Augen ansehen. Wie wäre es denn mal, aus dem Blockchain Developer einen Datensatz-Entwickler zu machen? Dann wüssten zumindest diejenigen, für die diese Tätigkeit nicht infrage kommt, dass sie sich mit dieser Stellenanzeige und ihrer Dechiffrierung nicht weiter beschäftigen müssten.

Weiß hingegen jeder Logistiker, dass er sich als „Area Supply Manager“ angesprochen fühlen sollte? Ich kolportiere mal: Die eine Hälfte aller Logistiker schrammt kilometerweit an der Stellenanzeige vorbei. Die andere (und nicht unbedingt die besser qualifizierte) Hälfte findet es toll, auf einmal Manager zu sein und sich zum Herren über Gabelstapler- und Fuhrpark-Armeen aufzuschwingen. Genau jener Typus wird es an anderer Stelle lieben, „Account Manager“ statt nur Kundenbetreuer zu sein. Wer jahrzehntelang Kunden betreut hat, braucht solcherlei Pseudo-Aufwertungen nicht.

Findet sich der Online-Redakteur – was ja auch schon halb englisch ist – als „Web Content Strategist“ wieder? Und, wie war das jetzt, steht der CEO in der Hierarchie wirklich höher als der COO? Oder, anders gefragt, wer ist hier der Chef oder Geschäftsführer?

Stopp: Wir leben in einer globalisierten Welt! Okay, Einwand stattgegeben. In international tätigen Unternehmen mögen diese Stellenbezeichnungen die Zusammenarbeit vereinfachen und fürs Organigramm sogar nötig sein. Dem Boss aus den USA möchte ich nicht zumuten, sich mit Begriffen wie Personalsachbearbeiter oder Bäckereifachverkäuferin herumschlagen zu müssen (… aber wer weiß, vielleicht keimt ja eines Tages eine „Old-Germany“-Welle jenseits des großen Teiches auf und plötzlich wundern sich Amerikaner über lauter für sie kryptische Stellenanzeigen;).

Nein, ernsthaft: Beim Autohaus Fritz Schneider oder dem Versicherungsbüro Meier & Müller muss nicht jeder Sachbearbeiter mit dem Titel „Chief“ oder „Manager“ vor der Brust herumlaufen. Eben, weil es bisweilen alberne Formen annimmt. So –, das musste mal ge-published werden. Hoffentlich erzeugt es keinen … Shitstorm (ein Wort, bei dem ich dann doch froh bin, es nicht einzudeutschen).

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