PR-Trulla gesucht – für Kollegen aus der Hölle

Konventionelle Stellenanzeigen zünden kaum noch. Im Gegenteil: sie langweilen. Einige Unternehmen probieren daher etwas, das bisher niemand gewagt hat. Sie beweisen Humor, ja Ironie.

Von Jens Kügler

Dieses Facebook-Video wurde vor ca. zwei Wochen ins Netz gestellt: Ein Glasermeister aus Cuxhaven tritt vor den Eingang seines Ladens. In der Hand hält er eine riesige Glasscheibe. Er zerdeppert sie auf dem Asphalt – klirr! Da liegt sie vor ihm in tausend Scherben. Jetzt erklärt er, dass er „Dich“ als Azubi braucht, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Und wie viel er zahlen würde – als Bonus-Geld für Ausbildungsbeginn. Und für den erfolgreichen Abschluss obendrauf.

Ob er seinen Azubi gefunden hat, weiß ich nicht, aber Bewerbungen gab es sicher. Denn das Video wurde zum Viral-Hit, millionenfach angeklickt.

Bayern, letzte Woche. Die Leser der Passauer Neuen Presse machten Augen, als sie die Stellenanzeige einer Brandschutzfirma aus Niederbayern lasen. „Grantler und Taugenichtse“ suchte das Unternehmen. Leute, die „keinen Bock auf Großkonzerne haben“ und für einen „inkompetenten und planlosen Chef“ arbeiten möchten!

Fast Zeitgleich setzte eine Münchner PR-Agentur eine Stellenanzeige ins Netz mit dem Wortlaut: „Zum nächstmöglichen Zeitpunkt suchen wir jetzt: einen PR-Fuzzi/eine PR-Trulla“. Was Trulla oder Fuzzi mitbringen sollten? Top-Referenzen? Mitnichten. Sondern unter anderem 150.000 Instagram-Follower, einen chilligen Lebenslauf und Erfahrung mit üblen Kantinen. Was sie erwartet: KollegInnen aus der Hölle und „weitgehend stupide Aufgaben, die sich aber oft wiederholen“.

Eins haben der Glaser von der Waterkant, die niederbayerischen Brandschützer und die selbst-erklärten Münchner PR-Stümper gemeinsam: Aufmerksamkeit für ihre Stellenangebote. In einem Bewerbermarkt, in dem Fachkräftemangel herrscht, stoßen „… konventionelle Stellenanzeigen auf null Resonanz …“, wie der niederbayerische Mittelständler in einem Zeitungsartikel über seine Such-Aktion erklärte.

Kurzum: Mit Humor und Ironie werden die Anzeigen zu Blickfängen. Sicherlich kann dies nicht der Idealtypus künftiger Stellenanzeigen sein. Und falls jetzt eine Humor-Anzeigen-Welle einsetzen sollte, verpufft der Effekt sicher schnell. Doch außer Aufmerksamkeit gelingt diesen Anzeigen noch etwas:

Sie konterkarieren erfrischend den Einheitsbrei auf den Stellenmärkten. Diese übertrieben euphemistischen oder sogar lügenden Selbstdarstellungen all dieser Top-Unternehmen mit ihren erstklassigen Karrierechancen, ihrem tollen Kollegium, das „nur auf Sie wartet“, und ihrer überdurchschnittlichen Vergütung. All diese Unternehmen müssen sich nicht wundern, wenn viele ihrer Bewerber selbst heute noch mit ebenso glänzend übertriebenen Lebensläufen prahlen. Die Humor-Anzeigen sind im Zweifelsfall ehrlicher, meint der Autor :-)

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