Talente aus dem Netz fischen

Früher mussten Personalchefs einen Berg qualifizierter Bewerbungen für jede Fachkräfte-Stelle wälzen. Heute bleibt der Posteingang oft leer. Denn die Unternehmen werden nicht mehr gesucht, sie müssen suchen. Und zwar aktiv und kreativ.

Jedes Mal, wenn ich die Samstagszeitung durchblättere, wird mir klar, wie radikal sich die Arbeitswelt in den letzten 10 bis 15 Jahren verändert hat. Der Stellenanzeigen-Teil umfasst vielleicht noch sechs oder acht Seiten, wo früher 120 waren (jedenfalls bei der führenden deutschen Tageszeitung, der Süddeutschen). Und es handelt sich fast ausschließlich um Berufe im schlecht bezahlten gesundheitlichen oder sozialen Sektor. Über die klassische gedruckte Stellenanzeige oder das Stellengesuch lassen sich offensichtlich keine Fachkräfte mehr finden und vermitteln. Die Anzeigen sind gestorben – und mit ihnen leider auch viele Printmedien.

Ihren Platz haben digitale Portale wie Monster oder Stepstone eingenommen. Plus Online-Branchenmagazine wie etwa Leaddigital in der Kreativ-Szene. Doch auch sie können die Lücke nicht schließen zwischen den viel zu vielen offenen Stellen und den händeringend gesuchten Fachkräften. Und die Lücke wird größer: Inzwischen gehören fast ein Drittel aller Arbeitnehmer in den deutschsprachigen Ländern zur Generation 60 plus. Leute also, die in den nächsten drei bis fünf Jahren in Rente gehen. Ganz gleich also ob in der virtuellen oder realen Welt: Unternehmen müssen heute neue Wege gehen und sich selbst auf die Suche nach Fachkräften begeben. Oder Talente finden und sie ausbilden.

Immerhin bewegt sich einiges hierzulande: So binden manche größere Unternehmen Studenten der gesuchten Fakultäten durch Incentives an sich. Beispiele sind Segeltörns auf der Ostsee oder Fun Weekends in Freizeitparks mit Konferenz-Einrichtungen – nach dem Motto: lockere Job-Infos am Vormittag und Sport und Spaß mit den zukünftigen Kollegen am Nachmittag. Kleine und mittelständische deutsche Unternehmen schließen sich zu Ausbildungs-Initiativen zusammen und sprechen gezielt Schüler und Studenten an. In Workshops vermitteln sie ihnen Einblicke in ihre zukünftigen Arbeitsbereiche. Die Arbeitnehmer von morgen lernen Grundsätzliches wie die Hierarchie oder routinemäßige Arbeitsabläufe kennen: etwa die Bedienung der PC-Programme oder der Telefonanlage. „Der Vorteil ist, dass sie das Gefühl haben, am ersten Arbeitstag nicht als ‘blutige Greenhorns’ ins Unternehmen zu kommen. Das schafft Vertrauen und bindet die jungen Leute vorab schon an die Firma“, weiß Ute Hagen aus Erfahrung. „Oft zahlen sie es auch später durch Loyalität zurück. Denn Arbeitnehmer kündigen früher, wenn sie sich von Anfang an unwohl fühlen“.

Was im deutschsprachigen Bereich immer noch weniger als etwa in den angelsächsischen oder skandinavischen Ländern angeboten wird, sind die sogenannten Onboard-Plattfomen. In diesen Communities können sich die Mitarbeiter und die gesuchten Bewerber vernetzen und kommunizieren. Beispielsweise beantworten die Mitarbeiter Fragen ihrer zukünftigen Kollegen, was sie zum ersten Arbeitstag mitbringen sollten oder welche Work-Life-Balance- und Weiterbildungs-Möglichkeiten das Unternehmen in der Realität bietet.

Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die digitale Welt auch fürs Headhunting von gut ausgebildeten und erfahrenen Arbeitnehmern ganz neue Chancen bietet. Ganz sicher fündig wird, wer sich die Zeit nimmt und auf Blogs oder zum Beispiel in Xing-Wirtschaftsgruppen nach den Autoren fachlich kluger Postings sucht. Auch in Tweets oder Google-Plus-Beiträgen outen sich die Leute mit Know-how. Manche teilen ihre Arbeitserlebnisse selbst auf Facebook.

Die Fachkräfte selbst haben diese Art, sich mitzuteilen, längst verinnerlicht. Unabhängig davon, ob sie gerade einen Job suchen oder nicht: Mit entsprechend guten Postings zu Themen aus ihrem Arbeitsbereich verschaffen sie sich zum Beispiel in Xing-Gruppen einen Expertenstatus. Und das Interessanteste gerade an Xing ist es, dass jeder regelmäßig nachsehen kann, wer sein Profil besucht hat. Kontakte können sich auch nach Jahren noch auszahlen. Und noch etwas: Über soziale Business-Netzwerke sind auch schon manche Ex-Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die in Kontakt geblieben waren, wieder zusammengekommen.

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