Willkommen in unserer Familie!

Unternehmer möchten ihre Unternehmen als Arbeitgebermarke positionieren. Sie sprechen oft gern von der starken Gemeinschaft treuer Mitarbeiter. Arbeitnehmer sehen das manchmal ebenso. Aber nicht immer. Und das ist auch natürlich.

Von Jens Kügler

Als der erste A 380 vor ihren Augen abhob, lagen sich die Airbus-Mitarbeiter in Hamburg-Finkenwerder in den Armen. Als Schlepper den – wieder einmal größten – Luxusliner der Kreuzfahrt-Welt durch die enge Ems bugsierten, vorbei an den Augen zehntausender Schaulustiger, prosteten sich alle Blaumann-Träger der Papenburger Meyerwerft stolz mit Schampus, Jever und Küstennebel zu. In Momenten wie diesen fühlen sich alle einer „großen Familie“ zugehörig. Ist das immer so? Und überall? Wenn es nach den meisten Unternehmern ginge, ja.

„Bewerben Sie sich jetzt. Werden Sie Mitglied der AIDA-Familie“. Dieses typische Beispiel eines Call-to-Action-Satzes aus einer Stellenanzeige nannte die Süddeutsche Zeitung vom letzten Wochenende in einem Artikel, der sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzt. Eine übertriebene Identifikation könne nicht immer hilfreich, sondern sogar schädlich sein – so der Tenor.

Sind die Deutschen „verheiratet“ mit Job und Firma? Nicht wirklich. Für die meisten Menschen ist der Job ein Broterwerb. Eine Pflicht. Arbeitnehmer haben zwangsläufig eine andere Sichtweise auf Job und Firma als die sogenannten Unternehmertypen, die tatsächlich für die Firma „leben“, weil es ihre Firma und ihr Lebenswerk ist. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes Gallup empfinden nur 15 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer eine hohe emotionale Bindung an ihr Unternehmen. 70 Prozent gaben eine geringe und 15 Prozent gar keine Bindung an.

Wo eine hohe Bindung besteht, wird sie gern nach außen getragen – bewusst. Oft aber auch erzwungenermaßen. Der Artikel in der Süddeutschen nennt als Beispiel einen Piloten der Lufthansa. Er trägt seine Uniform mit Stolz auf seinen angesehenen Berufsstand und Arbeitgeber. Er muss sie aber auch tragen, um als Crew-Mitglied erkannt zu werden. Anders als ein Nicht-Uniformierter hat er aber auch das Gefühl, sein Unternehmen nicht nur im Dienst repräsentieren zu müssen. Lässiges Hinsetzen in der S-Bahn, Ärmel hochkrempeln, Hemd aufknöpfen, ein Nickerchen machen? Absolutes No-Go. Ein Uniformierter ist quasi nie privat, sondern immer im Dienst.

In vielen Kulturen sind Uniformen sehr beliebt und verbreitet, ja Statussymbole – von Firmen über Schulen bis hin zu Universitäten. Auch in Deutschland wünschen sich viele Unternehmer von ihren Mitarbeitern, dass sie so loyal sind und das Corporate Design auch in Form von einheitlicher Kleidung tragen. Allerdings erweckt der Gedanke daran oftmals negative Assoziationen, beispielsweise an den Uniform-Fetischismus der Nazizeit. Oder es wird als zwanghaft und albern empfunden.

Die Süddeutsche Zeitung schließt ihren Beitrag mit den Studienergebnissen einer US-amerikanischen Arbeits-Ökonomin. Samantha Conroy fand heraus, dass zu viel Identifikation ineffizient sein könne. Weisen die Mitarbeiter eine extrem hohe Identifikation mit ihrem Arbeitgeber auf, hingen sie in eingefahrenen Strukturen fest und seien seltener kritisch und innovativ.

Kurzum: Es ist wichtiger denn je, eine Arbeitgebermarke zu sein. Gerade im Fachkräftemangel. Dennoch muss die häufig beklagte geringe Loyalität zu Firma und Marke kein reines Alarmzeichen sein. Oft bringt kritisch hinterfragendes Querdenkertum ein Unternehmen tatsächlich weiter als das berühmte „weiter so“.

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